Kopf der Woche

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Die Monteveritanerin: Hetty Rogantini de Beauclair (80)

SIE ist das wandelnde Gedächtnis des Monte Verità. “Das kann ich nicht abstreiten”: Mit diesem ein wenig verschämten Satz gibt sich Hetty Rogantini de Beauclair gar bescheiden. Denn sie betreut nicht nicht nur die Dauerausstellung über die Geschichte des Asconeser Bergs der Wahrheit, der doch eigentlich nur ein Hügel ist. Die Frau mit den eindringlich hellen Augen gehört einfach zum Monte Verità: Dort wurde sie geboren, dort lebt sie noch immer. Ihren Vater Alexander de Beauclair, einen hugenottendeutschen Kunstmaler aus Darmstadt, zog die Naturalisten-Kolonie auf dem Monte unwiderstehlich an, und ab 1906 begann er dort als Verwalter zu wirken. Zudem war er zwei Jahre später Mitbegründer der Tessiner Zeitung. Hetty kennt die ganze Geschichte des berühmtesten aller Tessiner Hügel in und auswendig. Das ist wörtlich zu verstehen: Wenn sie ihre Besucher durch die Casa Anatta führt, wo der aussergewöhnliche Kunstkurator Harald Szeemann seine Ausstellung über den Monte Verità dauerhaft untergebracht hat, dann sprudeln Namen, Daten und Fakten nur so aus ihr heraus. Nach 28 Jahren ist nun ein Ende gekommen. Denn die Casa Anatta, was lustigerweise Haus der “Nicht-Seele” bedeutet, wird am 19. April geschlossen und in den nächsten drei Jahren gründlich saniert. Aber keine Angst: Der Hügel der Wahrheit bleibt natürlich offen, und die Frau mit dem freundlich prüfenden Blick wird hin und wieder wissbegierige Besucher auf dem Gelände herumführen. “Der Monte ist der Ort, wo das Prinzip der Offenheit gilt”, sagt Hetty. Und sie selbst ist einfach die Seele des Monte.