AuchStrassenkönnenschützenswertsein

Das Tessin feiert hundert Jahre Denkmalschutz. Als Knackpunkt bei Schutzbestrebungen erweist sich der Zonenplan der Gemeinden.

von Peter Jankovsky
Ti-Press Kurvenreiches Denkmal: die Tremola-Strecke oberhalb Airolos. Ursprünglich als Saumweg angelegt (später mit Stufen für die Lasttiere), wurde sie um 1830 herum für die Postkutschen ausgebaut. 1902 fuhr hier das erste Auto

Häuser prägen den Lebensraum. Und gerade alte tragen viel zur Lebensqualität bei. Aber sie weichen zu oft dem Neuen. Dem möchte Staatsrat Marco Borradori, Chef des Bau- und Umweltdepartements, entgegenwirken: Der Kanton nehme gerne die finanzielle Last auf sich, um jene Bauten zu erhalten, die seit Jahrhunderten das Tessin modellieren und prägen. So hat Borradori kürzlich während einer Pressekonferenz gesprochen, die dem kantonalen Amt für Denkmalschutz gewidmet war. Dieses besteht seit 1959, doch das erste Gesetz zugunsten historischer Bauten wurde just vor hundert Jahren erlassen. “Der Einzelne kann sich dank alter Gebäude besser mit seiner Region identifizieren”, sagt der oberste Tessiner Denkmalschützer Giuseppe Chiesi. Dafür zahlt der Kanton gerne: 12 Millionen Franken stehen Chiesi für jeweils vier Jahre zur Verfügung. Drei Erweiterungen erfuhr 1997 das kantonale Denkmalschutzgesetz. Nicht nur die grossen Zeugen der Vergangenheit wie Burgen und Ruinen (allesamt geschützt), Kirchen oder Patrizierhäuser (nicht alle unter Schutz gestellt) sind zu erhalten, sondern ebenso Artefakte der ländlichen Kultur (Weinkeltern, Mühlen), historische Wege und Brücken – sowie Bauten der modernen Architektur. Daher steht das Hotel auf Asconas Monte Verità (aus der Bauhaus-Ära der 1920er Jahre) ebenso unter Denkmalschutz wie die Luganeser Kantonsbibliothek, die in den 1950er Jahren errichtet wurde. Aber auch Strassen können schützenswert sein: beispielsweise die extrem kurvenreiche Tremola-Strecke oberhalb Airolos. Als nächstes möchte Chiesi Teile der Autobahn A2 unter Schutz stellen, unter anderem die architektonisch bemerkenswerten Tunnelportale in Lugano-Süd. Die zweite Neuerung: An jeder Restaurierungsarbeit auf ihrem Gebiet müssen sich die Gemeinden finanziell beteiligen, denn die 12 Millionen des Amtes für Denkmalschutz, das sich um überregional wichtige Bauten kümmert, genügen kaum. Zudem wurden die Gemeinden verpflichtet, innert zehn Jahren eine Liste ihrer schützenswerten Gebäude zu erstellen und sie in den Zonenplan zu integrieren. Das ist geschehen, wenn auch teils mit Verspätung. Der Knackpunkt: Das Gemeindeparlament entscheidet nach eigenem Gutdünken, sodass vor allem bei nicht typisch “historischen” Häusern wirtschaftliche Interessen dominieren. Zwar kann der Staatsrat in eigener Kompetenz ein Objekt, das er als wichtig fürs ganze Tessin einstuft, mithilfe des kantonalen Richtplans schützen lassen, aber das geschieht eher selten. Auf den Punkt bringt es der Architekt Antonio Pisoni. “Die Zonenpläne enthalten zu viele Löcher, es braucht Zusatzreglementierungen, die das Kriterium des Historischen weiter fassen”, betont der Präsident der Tessiner Sektion des Schweizer Heimatschutzes (Stan). Ihm zufolge ist im Raum Lugano und Locarno der Druck besonders auf die alten Bürgerhäuser gross – wegen der starken wirtschaftlichen und touristischen Interessen (Bau von Firmensitzen, Hotels und Zweitwohnungen). Zudem stufte man vor 30 Jahren, als die meisten Zonenpläne umgestaltet wurden, die Jugendstilhäuser nicht als historisch wertvoll ein. Für Pisoni ist klar: Die Bevölkerung muss hier aktiver mitreden. Und bis in den Herbst hinein kann sie anlässlich der hundert Jahre Denkmalschutzgesetz verschiedene Veranstaltungen besuchen.

Der erste Anlass ist der Tag der offenen Tür beim Denkmalschutzamt in Bellinzona: Di, 8. September, Viale S. Franscini 30a, 10-12 und 15-17 Uhr.