DERALTEOFFIZIER KLETTERT AUFS DACH

Ab Ende April besitzt die Stiftung Ferien im Baudenkmal auch im Tessin ein Hotel für Gäste, welche geschichtsträchtige Mauern postmoderner Architektur vorziehen. In Russo im Onsernonetal öffnet bald die Casa Döbeli

Rolf Amgarten
Döbeli hat sein Haus erstaunlich gut in Schuss gehalten, bevor er es dem Heimatschutz überliess; Indizien dafür, dass es das Haus wohlhabender Leute war, sind der Kochherd aus Naturstein (unten rechts) und die Lage mit Aussicht weit über den Kirchturm hinaus

DText und Fotos von er Architekt Werner Duppenthaler führt mich den Natursteinweg hoch auf eine besonnte Terrasse des Dorfs. Vor uns ein paar zerfallene Mauern und der auffällige Hinweis, dass, wer die Baustelle betritt, dies auf eigene Verantwortung tue. “Da gibt es aber noch viel zu tun, bis aus dieser Ruine die Casa Döbeli als Hotel aufersteht”, denke ich laut, während aus dem riesigen Patrizierhaus daneben hämmernde Geräusche dringen. Jenes scheint bewohnt zu sein. “Wir werden die noch stehenden Mauern sichern müssen und dann könnte hier sehr gut eine Art Spielplatz vor dem historischen Hotel entstehen”, klärt Architekt Duppenthaler das Missverständnis auf. Die Casa Döbeli ist tatsächlich das beeindruckende, grosse und gut erhaltene Patrizierhaus, dessen Hauptfassade sich stolz der über die Hügel steigenden Sonne zeigt. Wir sind in Russo im Onsernonetal und im Vergleich zur milden Januartemperatur in den Niederungen des Locarnese herrscht dort, wo die wärmenden Strahlen nicht hinkommen, fast eine Art “Russenkälte”. Die Geräusche kommen von den Handwerkern, welche dem Haus in den kommenden Monaten noch den letzten Schliff und Firnis geben. Firnis tönt so schön vergangen und passt bestens zu diesem mutigen Sanierungsprojekt des Schweizer Heimatschutzes. Wenn das Haus ab Ende April etwa sieben Gästen jeweils für mindestens eine Woche zur Verfügung stehen wird, öffnet der Heimatschutz das erste Objekt im Tessin für das Projekt “Ferien im Baudenkmal” der gleichnamigen Stiftung, welche vor über vier Jahren gegründet wurde und rechtlich vom Heimatschutz unabhängig ist. Damit bietet die Stiftung neun historische Häuser als Feriendomizile auf den Spuren der Geschichte an. Andere finden sich im Bernerland, Graubünden und Wallis. Verpflichtendes Vermächtnis Bis die Casa Döbeli saniert und für den heutigen Feriengast sanft modernisiert ist, wird die Stiftung Ferien im Baudenkmal für das Baurecht, die Renovation und die Einrichtung insgesamt rund 380'000 Franken ausgegeben haben. Die Stiftung nennt einige leerstehende Baudenkmäler ihr Eigen, ist aber für deren Renovation auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Wenn dann die Gebäude erst mal renoviert sind, sollen die Mieteinnahmen den laufenden Unterhalt und den Erhalt dieser Erinnerung an die Zeitläufte sichern. Denn mit einer Schenkung eines alten Hauses ist es längst nicht getan. Wenn ein reicher Oberleutnant a.D. sein Haus dem Heimatschutz hinterlässt, dann hinterlässt er nicht nur ein Geschenk, sondern auch grosse Verantwortung und Verpflichtung. Viel ist über den Legaten Markus Döbeli – den Oberst Döbeli, wie er im Dorf genannt wird – nicht zu erfahren. Er habe sehr zurückgezogen gelebt, sei nicht unbedingt sehr kontaktfreudig gewesen, eher ablehnend-scheu. Fünfzig Jahre lang habe der Deutschschweizer Millionenerbe sein Haus in Russo bewohnt, die Berge erstiegen und fotografiert, und vieles mit handwerklichem Geschick selber gemacht. “Wir haben entschieden, die Eingriffe Döbelis zu belassen”, erklärt Architekt Duppenthaler. Auch sie sind Dokumente der Zeit und des Lebens in diesem Haus. Döbeli sei noch als alter Mann für Reparaturen aufs Steindach gestiegen. Mit 85 Jahren ist er vor wenigen Jahren gestorben. Zuvor aber hat er das Haus als Legat der Tessiner Sektion des Schweizer Heimatschutzes hinterlassen, inklusive einer bildungsmässig breitgefächerten Bibliothek. Umweltverbänden und NGO’s soll er Bares vererbt haben. Dass ein solches Haus gerettet wird, freut Architekt Duppentahler. Er ist einer, der am liebsten möglichst viele der alten Häuser retten würde: Bloss, wer will heute noch sowas bezahlen?

Grosses Sicherheitsbedürfnis Erbaut hat dieses Haus zwischen 1750 und 1770 laut Russos ehemaligem Gemeindesekretär Lino Elio Mordasini die Kaufmannsfamilie Garbani-Moschini aus Gresso, welche in Rom und Neapel Geschäfte machte. Auch sie arme Migranten aus dem Onsernontal, welche in Italien zu Geld gekommen waren. Die auffälligen Sicherheitssysteme haben jedenfalls nichts mit einem gegenüber heute höheren individuellen Sicherheitsbedürfnis zu tun, erklärt Mordasini. Vielmehr dienten diese Häuser auch als Warendepots. In einem Inventar konnte Mordasini einmal Einträge über Tausende von Goldmünzen, Seide und englisches Filztuch finden, deshalb kamen solche Patrizierhäuser fast Trutzburgen gleich. Die Haustüre kann von Innen mit einem vertikalen Balken gesichert werden, die Fenster sind mit soliden Eisengittern geschützt und die wuchtigen Türen in den Zimmern konnten mit massiven Eisenriegeln von Innen versperrt werden. Die dicken Natursteinmauern des dreistöckigen Hauses hätten vielleicht gar einer Belagerung durch napoleonische Truppen standgehalten. “Tatsächlich sind ja diese Kaufleute weit herumgekommen und haben viel von den heraufkommenden Zeiten gesehen. Also haben sie ihre Depots im Tal gefüllt. Als dann Napoleon die Kontinentalsperre gegen die Briten verhängte, konnten diese Händler ihr englisches Tuch mit Gewinn in Europa verkaufen“, erklärt Mordasini.