Wer in einer kleinen Realität lebt, muss sich vor der Erinnerung zu schützen wissen

DAS GEHEIMNIS AM GRUND DES SEES

bearbeitet von Angelika Tauscher
Der Luzzone-Stausee

Elia Contini widmete sich dem Anblick einer verliebten Frau. Ob es ein fröhlicher oder ein trauriger Anblick war, hätte er nicht sagen können, er beobachtete nur. Mit aller gebotenen Diskretion, versteht sich: Dafür wurde er bezahlt. Um herauszufinden, in wen und, vor allem, wie sehr Signora Elisa Rovelli verliebt war.

Von der Via Praella bis zum Kreisel verringerte Contini den Abstand zwischen ihren beiden Wegen. Denn gerade die Übergänge – eine Abzweigung, ein Kreisverkehr, eine Kreuzung – waren die kritischen Momente, in denen man häufig den Kontakt verlor. Und er wollte auf Nummer sicher gehen. Er hatte das Gefühl, dass seine Chance, nach zwei, drei Tagen ergebnisloser Beschattung, diesmal gekommen war. Signora Rovelli hatte gegen ihre morgendliche Routine verstossen und sich um neun Uhr mit dem Audi A6 ihres Ehemannes in Lugano auf den Weg gemacht. Contini war ihr auf der Autobahn bis zur Ausfahrt Richtung Mendrisio gefolgt.

Es war ein kalter Vormittag, der Himmel von einem kompakten Weiss, das wie eine feste Wand wirkte; die Fahrzeuge und die Münder der Passanten stiessen Dampfwolken aus. Elisa Rovelli parkte ihr Auto und ging zu Fuss die ansteigende Via Lavizzari hinauf. Contini setzte seinen Hut auf, versenkte die Hände in den Taschen und folgte ihr schlendernd, wie einer, der nichts zu tun hatte.

Ehemänner, die alles über ihre Gattinnen wissen wollen, sind die Rettung der Privatdetektive. Geier sind wir, dachte Contini. Das ist unsere Arbeit: uns im Schatten verstecken und heimlich die Liebe fotografieren.

Oben angelangt, bog Elisa Rovelli nach links und blieb auf dem Platz vor der Kirche stehen. Contini mimte Interesse an der Statue, die am Fuss der Treppe stand: eine männliche Gestalt, die aussah, als sei sie schon vor ihrer Statuenwerdung steinern gewesen. Ein stolzer Blick, empor und in die Zukunft gerichtet. Ein Schnauzbart, wie ihn heute keiner mehr trägt, eine hohe Stirn, eine mächtige Kinnlade. Darunter die Inschrift: Luigi Lavizzari, dem glühenden Patrioten, Geologen und Naturforscher Entdecker Unbekannter Wahrheiten, von seinen Mitbürgern 1900 Während er verstohlen Elisa Rovelli im Auge behielt, kam Contini die Erkenntnis, dass er und der glühende Patriot im Grunde Kollegen waren. Denn ein Privatdetektiv mag zwar ein Geier sein, mit Fug und Recht aber darf er sich als „Entdecker unbekannter Wahrheiten“ bezeichnen. Grinsend trat der Detektiv ein paar Schritte zurück, um das edle Antlitz des Herrn Lavizzari genauer betrachten zu können. “Na, Alter”, murmelte er, “wieviele Gehörnte hast du unter deinen Zeitgenossen aufgedeckt?” Die Statue erwiderte nichts, aber Contini meinte hinter dem Schnauzbart gelinden Tadel zu erkennen.

Unterdessen war Elisa Rovelli nach einem Blick auf die Uhr in eine der Gassen der Altstadt eingebogen. Es war Viertel nach zehn an einem Montagmorgen im Januar, und die Strassen waren weitgehend menschenleer. Signora Rovelli und Elia Contini gingen vorbei an den Messingschildern der Anwaltskanzleien, an Bars mit verriegelten Türen, an neu eröffneten Läden, die gern Boutiquen sein wollten. Aus einer Seitengasse kam eine Alte, in einer Hand ihre Einkaufstasche, und fingerte umständlich ihren Schlüssel ins Schloss eines Haustors. Mendrisio mit seinen Lädchen, seinen Weinfesten, seinem Tratsch ist eine Kleinstadt mit dörflicher Seele. In diesen schmalen Gassen der Altstadt kam sich Contini vor, als beträte er ein fremdes Haus zu ungehöriger Stunden. Fast hatte er das Bedürfnis, auf Zehenspitzen zu schleichen.

Elisa ging jetzt eilig vor ihm her. Als er sie die Gemäldegalerie betreten sah, wusste er, dass sein Klient sich nicht geirrt hatte: Ein Museum ist ein idealer Ort für ein Stelldichein. Bevor auch er eintrat, wartete er ein paar Minuten, dann spähte er verstohlen hinein und sah Signora Rovelli mit grossem Interesse ein Gemälde von Antonio Barzaghi-Cattane betrachten. Neben ihr stand ein Mann. Contini fotografierte die zwei von hinten und sah sie beim Klicken der Kamera zusammenzucken. Dann trat er näher, bat um Verzeihung, fotografierte das Bild und entfernte sich.

Mit weithin hörbaren Schritten durchquerte er den angrenzenden Saal, kehrte dann lautlos zurück und richtete von der Türschwelle aus seine Kamera auf das Paar. Es war wie im Theater. (…) Nach einem Dutzend Fotos liess er es genug sein und wollte durch den Hinterausgang verschwinden. Aber in dem Moment, als er sich zum Gehen wandte, legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. Der Detektiv erstarrte. “Nein so was! … Wenn ich nicht irre, bist du der junge Contini, oder?” “Ja, aber es tut mir leid – wer …” Contini erkannte ihn, noch bevor er die Frage beendet hatte. Die Brille war noch immer dieselbe, schwer und altmodisch, aber um die stecknadelkopfgrossen Augen hatte sich inzwischen ein Kranz von Runzeln gebildet.

“Ewig haben wir uns nicht gesehen! Wie ich höre, bist du Polizist geworden?” “Mehr oder weniger. Aber gehen wir doch raus …” Sie verliessen das Museum durch den hinteren Ausgang und betraten eine Bar in der Via Santa Maria. Ausgerechnet ihn muss ich hier treffen, dachte Contini. Don Giacomo Bernardi, der vor der Flutung des alten Dorfkerns Pfarrer von Malvaglia gewesen war – mindestens fünfzehn Jahre hatte er ihn nicht gesehen.

“Hast du dir den Barzaghi-Cattaneo angesehen?” fragte Don Giacomo. “Der Realismus dieses hingestreckten Körpers! Wirklich ergreifend, findest du nicht?” Contini ging nicht darauf ein. “Was verschlägt Sie denn nach Mendrisio?” fragte er den Pfarrer. “Ich dachte, Sie sind noch im Bleniotal?” “Nein, ich bin ans Selige-Jungfrau-Hospital versetzt worden. Ich bin ja nun nicht mehr der Jüngste … je näher ich also einem Krankenhaus bin, desto besser ist es!” Eine Plaudertasche war Don Giacomo schon immer gewesen. Älter war er geworden, aber davon abgesehen schien er derselbe Geistliche, der sich in den achtziger Jahren der Seelen von Malvaglia angenommen hatte. Er trug einen Mantel, der eigentlich eine getarnte Soutane war: so schwarz und priesterlich, dass er seinen Träger auf den ersten Blick als das offenbarte, war er war.

“Weisst du, dass ich erst neulich an dich gedacht habe?” fragte der Priester, und seine Äuglein funkelten hinter den Brillengläsern. “Du hast doch sicher den Ärger um den Ausbau des Stausees mitbekommen?” “Nein, wieso, um was geht’s?” “Na ja, sie wollen doch jetzt auch das Nordufer fluten, aber es regt sich Protest.” Contini horchte auf. “Und sollten sie den See vorher trockenlegen”, fuhr der alte Priester fort, “werden wohl auch die alten Häuser wieder auftauchen, unter anderem auch eures. Und wer weiss, was aus der Christophoruskapelle geworden ist – nach so vielen Jahren Feuchtigkeit!” Continis Miene verfinsterte sich. Er hielt sich nicht gerne mit der Vergangenheit auf. Wer in einer kleinen Realität lebt, muss sich vor der Erinnerung zu schützen wissen. Die Schweiz, im Herzen Europas, am Kreuzungspunkt aller Geschichten und aller Intrigen gelegen, ist von ihrer Fläche her wohl ein kleines Land, aber ihr Keller böser Erinnerungen ist tief.