Für sie ist der Südkanton der beste Ort für Künstler. Daher thematisiert die in Ronco s/A ansässige Glarner Autorin in ihrem neusten Buch ein Stück deutschsprachiger Tessiner Kultur: Hermann Hesses Freundschaft zum Dadaisten Hugo Ball und seiner Frau Emmy Hennings

EVELINE HASLER DIE LUFT VIBRIERT VON GESCHICHTEN

aufgezeichnet von Peter Jankovsky

Eveline Hasler, sind Thematiken rund um Hesse nicht schon ziemlich ausgeschöpft?

Ausgeschöpft? Ist ein Menschenleben auszuschöpfen? Es geht hier nicht um eine neue Biographie. Im Fokus stehen die sieben Jahre der Freundschaft, für alle drei Beteiligten eine bewegte Lebensphase. Und alle drei haben schwierige Zeiten hinter sich, wie sie sich im Winter 1920 in der Tessiner Einsamkeit kennenlernen.

Wie schwierig denn?

Hesse hatte im Ersten Weltkrieg von Bern aus gegen Hass und Kriegseuphorie geschrieben. Man nahm es ihm in Deutschland so übel, dass sein „Demian“ 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair erscheinen musste. Auch im privaten Bereich gab es Turbulenzen: Von seiner gemütskranken Frau und den drei Kindern getrennt, lebte er allein in Montagnola. Hugo Ball und seine erst seit kurzem angetraute Frau Emmy Hennings hatten in Zürich das Cabaret Voltaire gegründet, die Wiege des Dada, lebten aber, wie schon zuvor in München, in den materiell kümmerlichsten Verhältnissen, während Hesse seine Mäzene fand. In Agnuzzo – am Luganersee unterhalb von Montagnola – konnten sie aber einen schönen alten Palazzo billig mieten.

Dass die drei künstlerischen Menschen Freundschaft schlossen, liegt eigentlich auf der Hand.

Bei den ersten Zusammenkünften entdeckten Hesse und Hugo Ball Gemeinsamkeiten: Eine Kindheit in frommem Milieu, als junge Erwachsene Widerstand gegen den Hurra-Patriotismus in der zum Krieg bereiten Heimat, mit der Dada-Bewegung und ihren Schriften versuchten sie alte Denkmuster zu sprengen.

Die Balls blickten zu Hesse richtiggehend auf.

Das Sagen in dieser Freundschaft hat sicher Hermann Hesse gehabt. Neun Jahre älter als Ball, ist er 1920 bereits ein bekannter Schriftsteller, er beschäftigt sich mit fernöstlicher Weisheit, schreibt an „Siddharta“. Er strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, bis er dann ein paar Jahre später unter Anleitung des Psychiaters seine dionysischen Seiten auslebt und sich ins Zürcher Nachtleben stürzt.

Von den drei hat Emmy Hennings das härteste und entbehrungsreichste Leben. Führt sie damit auch so etwas wie das echteste Leben?

Alle drei Persönlichkeiten, möchte ich bestätigen, leben auf eine oft qualvoll intensive, ehrliche, echte Art. Doch Emmy Hennings, die phantasiereichste der drei, ist auf wenig Materielles angewiesen, und so unternimmt sie mit einem Minimum an Geld die abenteuerlichsten Reisen. Ihr Schreiben geht nach Brot, von den kleinen Honoraren leben oft auch Hugo und ihre Tochter Annemarie. Viele Texte sind denn auch für den Tag geschrieben, die grösste Intensität haben meiner Meinung nach der frühe Roman „Das Brandmal“ und viele ihrer Gedichte.

Gibt es in Ihrem Buch neue biografische Aspekte im Hinblick auf Hesses Leben?

Vor kurzem ist der Briefwechsel zwischen Hesse und seiner späteren zweiten Frau Ruth Wenger erschienen. Die junge Ruth ist die Tochter eines Messerfabrikanten aus Delsberg. Hesse, der Nähe nicht erträgt, fürchtet sich vor einer zweiten Heirat. Aber schliesslich gibt er dem Druck des zukünftigen Schwiegervaters nach.

Ein schlechter Start für die zweite Ehe.

Die wunderbar verspielte Liebesgeschichte mit „der Königin der Gebirge“ verkehrt sich mit der Heirat in eine Tragödie. Ohne diese Begebenheit, die einen Teil dieser sieben Jahre der Freundschaft Hesses zu den Balls ausfüllt, kann man sich Werke wie „Steppenwolf“ und die „Krisis-Gedichte“ nicht erklären. Hesse, ein einfühlender, treuer Freund, ist ein äusserst schwieriger Ehepartner, das weiss man auch aus anderen Künstlerbiografien.

Warum kamen eigentlich die drei Künstler damals ins Tessin?

Das Tessin galt in jener Epoche nicht nur als kostengünstige Destination, da war auch der Ruf des Monte Verità als Ort innovativer Ideen. Aber auch die kleinen Dörfer auf dem Land und in den Tälern boten mit ihrer wunderbaren Vegetation Ruhe. Und das, was wir heute Privacy nennen, ist wichtig für künstlerische Prozesse.

Und wie reagierten die Einheimischen?

Die Tessiner liessen mit liebenswürdiger Toleranz die oft seltsamen Existenzen auf ihre Art leben. Bei Geldmangel konnte man in Ascona in den Lebensmittelläden anschreiben lassen. Auch Emmy Ball berichtet, der Postbote habe ihr in Ascona Briefmarken geschenkt, damit sie ihrem Lebenspartner nach Bern schreiben konnte!

Welche kulturelle Bedeutung haben Monte Verità und Montagnola heute?

Damals hatten die Einheimischen kaum von den Künstlern profitiert, doch auf lange Sicht zahlte sich der Einsatz aus: Tausende von Reisenden werden noch heute ins Tessin gelockt durch die Geschichte des Monte Verità, durch die Werke von Hesse, Frisch, der Werefkin und anderen. Kaum eine Aktion des Tessiner Tourismusbüros hat eine solche Wirkung erreicht! Gute Hotels gibt es überall, aber nirgends vibriert die Luft so von Geschichten!

Jüngere Geschichten sind eher Mangelware.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Künstler verdrängt durch Industrielle und Kaufleute, die hier Zweitwohnungen bauten. Was kurzfristig Gewinn ist, kann auf die Länge Identitätsverlust sein, irreparabler Verlust der Schönheit eines Landstrichs durch zu protzige und zu hohe Bauten.

Besinnt man sich zu Beginn des dritten Jahrtausends nun neu?

Da und dort entstehen kulturelle Aktivitäten, die besonders die stillere Saison beleben. Ich denke in meiner Umgebung an die Happenings auf dem Monte Verità, im Teatro San Materno, im Dimitri-Theater und im Teatro del Gatto, auch die Biblioteca di Ascona hat grossen Zulauf gehabt mit italienisch- und deutschsprachigen Lesungen. Und weshalb entsteht aus dem Grand Hotel in Locarno nicht ein einmaliges Kulturhaus mit Kursen für Jungfilmer, mit Schreibwerkstätten, Malateliers, exklusiven Lesungen, zwei- oder mehrsprachig ...

Wie ist Ihr Leben als Schriftstellerin im Tessin?

Zugegeben, die meisten Kunstschaffenden, die im Tessin leben, sind hier, um in der Stille und in der Nähe der Natur zu arbeiten. Auch ich möchte hier gerne still kreieren und weniger im Kulturbetrieb aktiv werden.

Der südhelvetische Boden ist also noch immer ein guter Nährboden für Künstler.

Es ist immer noch wunderschön, im Tessin zu arbeiten, im Spiel von Licht und Schatten, und noch immer lässt man einen hier ruhig leben. Noch nie war ich irgendwo lieber zu Hause als hier im Tessin. So wunderbar im Jetzt leben ist hier immer noch möglich. Auch Jahrzehnte nach Hesse, Emmy Hennings und Hugo Ball.

Es ist immer noch wunderschön, im Tessiner Spiel von Licht und Schatten als Schriftstellerin zu arbeiten