Inmitten des malerischen Ortes Bedigliora steht eine steinerne Pestsäule, die an die grauenvolle Pandemie im Tessin der Jahre um 1630 erinnert

ERINNERUNG AN EINE DUNKLE ZEIT – AUF DEN SPUREN DER PEST

bearbeitet von Myriam Matter

NICHT alle Feste fallen zu den Freuden des Lebens, einige gedenken auch überstandenem Leid. Die zehnte Ausgabe der “Sonntagsfreuden” entführt ins Tessin und berichtet von einem düsteren Kapitel der Geschichte: Noch heute zeugen an einigen Ecken und Plätzen Kapellen und Säulen von einer harten, von der Pest geprägten Zeit.

Der Autor Hans Jörg Leu stellt übrigens am 18. August um 20 Uhr im Salone Piazza Grande in Curio sein 2010 erschienenes Buch “Schattenwanderung” vor (Thesis-Verlag Egg/SZ). Kleine, scheinbar unbedeutende Ereignisse stellen oft eine entscheidende Weichenstellung im Leben eines Menschen dar und können nicht nur sein Schicksal verändern, sondern gar Auswirkungen auf das Leben seiner Nachkommen haben. Der Eintritt zur Autorenlesung ist frei, es gibt eine Topfkollekte.

Die Pestsäule

Einleitung

Der Schwarze Tod ist ein Begriff, den jeder mit Schrecken und Leid verbindet. Im Mittelalter wurde Europa von der Pest überfallen; eine Epidemie, die mehrere Millionen Tote forderte. 1347 gelangte die Pest von Zentralasien her nach Konstantinopel, wo sie dann über Schiffe in die Hafenstädte des Mittelmeers gebracht wurde. Weil auch die Hygieneverhältnisse zur damaligen Zeit schlecht waren, verbreitete sich die Pest rasend schnell und raffte die Menschen dahin.

Es wurde an Vorsichtsmassnahmen und Prophylaxe gedacht, besonders an Schutzanzüge für die Ärzte, die doch täglich mit den Pesterkrankten zu tun hatten. So entstand anfangs des 17. Jahrhunderts, als die Pest 1619 in Paris wütete, die Schutzbekleidung für Ärzte, die angeblich von Charles Delorme, selbst ein Arzt, erfunden wurde. Es handelte sich um ein langes, vom Hals bis zu den Knöcheln reichendes Gewand. Er erfand eine Maske dazu, die mit einer Nase in Form eines etwa 15 cm langen Schnabels ausgestattet war und in welche Reichstoffe gefüllt wurden, die die Atemluft vom Pestgift reinigen sollten. Ergänzt wurde der Aufzug durch eine Brille mit Kristallgläsern, die vor der vermuteten Ansteckung durch Blickkontakt Schutz zu versprechen schien. Das Leder erfüllte den Zweck, undurchlässig für die vergiftete Luft zu sein und von so glatter Oberfläche, dass das Pestgift keinen Halt daran finden konnte. Zur Ausstattung gehörte auch ein Stab, der aber nicht – wie man fälschlicherweise annehmen könnte – dazu diente, auf den Kranken zu zeigen oder ihm aus sicherem Abstand den Puls zu fühlen, sondern eine behördliche Vorschrift war, um die Leute, die mit den Pesterkrankten zu tun hatten, zu erkennen. Das auffällige Gewand, das durch Charles Delorme eingeführt wurde, brachte den Ärzten den Namen “Schnabel-Doktor” ein.

Das letzte Mal, als die Pest Europa heimsuchte, war in den Jahren 1720/22. Angeblich wurde sie von einem Schiff eingeschleppt, auf dem die Quarantänebestimmungen nicht korrekt angewandt wurden. So verbreitete sich die Krankheit von Marseille über die Provence. Die Pest in Marseille löste überall in Europa Massnahmen aus.

Heute zeugen mehrere Dokumente von dieser leidvollen und tragischen Zeit: Kupferstiche, Notizen und Annalen. Auch der italienische Schriftsteller Giovanni Boccaccio liess die Pestepidemie in die Rahmengeschichte der zehn Novellen des “Decamerone” einfliessen.

(Quelle: Internetseite des deutschen Gesundheitsamts in Dachau/Garmisch)

Erinnerung an eine dunkle Zeit Die Pestsäule von Bedigliora (von Hans Jörg Leu)

Zwischen den Hügeln und Kastanienwäldern des Malcantone, dort, wo der südliche Abhang der Alpen in die lombardische Tiefebene überzugehen beginnt, liegt Bedigliora, eines der schönsten Dörfer de Tessins. Der unebene, leicht abschüssige Kirchplatz, den man durch einen Torbogen betritt, ist von der Kirche, mittelalterlichen Häusern und einer hohen Steinmauer umgeben. In deren Ritzen blüht Unkraut.

Mitten auf dem Platz steht eine Granitsäule, die von einem eisernen Kreuz gekrönt ist: die Pestsäule von Bedigliora. Sie ragt auf einem kleinen Quadersockel rund fünf bis sechs Meter in die Höhe; oben begrenzt von einem viereckigen Abschluss, auf dem die Jahreszahl 1632 auf der einen, und auf der anderen Seite der lateinische Spruch “Nosce te ipsum” (Erkenne dich selbst) eingemeisselt ist. Am unteren Ende des Kreuzes sind seitlich zwei der Erde zugeneigte eherne Arme mit je zwölf Zacken angebracht, einer Feder oder einem Palmwedel gleichend. Der Platz ist fast immer von parkierten Autos überstellt.

Die Säule erinnert an eine dunkle Zeit: Seit dem Mittelalter bis zirka 1800 wurde Europa immer wieder von kleineren oder grösseren Pest-Epidemien heimgesucht, die schlimmsten waren die Pandemien von 1347/48, die innert zwei Jahren einen Drittel der europäischen und die Hälfte der italienischen Bevölkerung umbrachte, sowie jene der Jahre 1576/77 und 1628/30, die vor allem Oberitalien heimsuchten. Die letzte Pestepidemie in Westeuropa trat im Jahr 1720 in Marseille auf.

Bei der Pandemie in den Jahren 1628/30 war auch das Tessin stark betroffen. Aus den Kirchenchroniken geht hervor, dass im Pfarrkreis Bedano mit zirka 200 Einwohnern zwischen 1619 und 1639 insgesamt 188 Tote beklagt wurden, und dass der Weiler Tortoglio zwischen Miglieglia und Breno gänzlich ausgerottet und auch später nie mehr bewohnt wurde. An diese Zeit erinnern die Pestsäule und die Pestkapelle in Bedigliora. Die Säule erinnert an die 24 Überlebenden des Dorfes. Auch an der Stelle, wo der kleine Ort Tortoglio lag, steht heute noch eine Pestkapelle.

Verschiedene Versionen der grauenvollen Krankheit plagten damals die Menschheit: Der Bazillus Pasteurella pestis, Erreger der Infektionskrankheit, wird von den Ratten durch den Rattenfloh auf den Menschen oder auch von Mensch zu Mensch übertragen. Die Erkrankung beginnt ein bis drei Tage nach der Infektion mit hohem Fieber und Delirium. Die sogenannte Beulenpest wird direkt vom Floh durch den Stich in die Haut auf den Menschen übertragen. Sie führt zu eigrossen Schwellungen der regionalen Lymphknoten, die innert 2 Wochen vereitern und aufbrechen (sogenannte Bubonen). Bei dieser Form überleben zirka die Hälfte der Betroffenen. Die von Mensch zu Mensch übertragenen Formen der pulmonalen und der septischen Pest haben nur einen kurzen Verlauf und enden meist mit dem Tod des Erkrankten. Die septische Form führt zu schwärzlichen Flecken am ganzen Körper infolge von Unterhautblutungen und wird auch schwarze Pest genannt.

Zum Gedenken an die Pestopfer findet in Bedigliora bis heute jeweils an jedem ersten Septembersonntag eine Gedenkmesse in der Pestkapelle statt. An jener Stelle an der alten Strasse von Bedigliora nach Banco wurden die Toten im kärglichen lockeren Erdreich vergraben und mit einigen Schaufeln Kalk und Erde bedeckt – wahrscheinlich in Massengräbern. Nach der Messe wird hinter der Kapelle eine einfache Mahlzeit am offenen Feuer zubereitet.

Wenig ist aus diesem traurigen Kapitel der Tessiner Geschichte bekannt. Einzig die Kirchenchroniken der Region lassen erahnen, was damals passierte.

In der Mitte des Büchleins findet sich die italienische Übersetzung der Texte und am Ende drei von Rita und Hans Jörg Leu verfasste Tessiner Rezepte.

“Sonntagsfreuden, Die Pestsäule in Bedigliora” kann man auf www.sonntagsfreuden.ch bestellen. Auf der Internetseite sind auch die Buchhandlungen in der Deutschschweiz aufgelistet, in denen es erhältlich ist.