Als Protestbewegung begann, was sich als Tessiner Architektur etabliert hat

EIN BLICK AUF EIN VON VIELEN GETRAGENES KULTURGUT

von Ursula Riederer
Ti-Press Bagno pubblico, Bellinzona, erbaut von den Architekten Aurelio Galfetti, Flora Ruchat-Roncati, Ivo Trümpy und 1970 eingeweiht
Bankhaus Bellinzona, 1959-60, Augusto Jäggli
Haus in Bellinzona, 1972, erbaut von Roberto Bianconi

Die ETH Zürich dokumentierte 1975 in der legendären Ausstellu ng “Tendenzen. Neuere Architektur im Tessin” die Bauten und Ideen einer Gruppe junger Tessiner Architekten. Damit begann, was als “Tessiner Schule” weltweit Furore machte. Das öffentliche Freibad in Bellinzona gehört zu diesen ersten Perlen.

Das Bagno pubblico ist ein städtebauliches Lehrstück. Als die Autobahn bei Bellinzona gebaut wurde, musste die alte Badeanstalt weichen. Den Wettbewerb für ein neues Bad gewannen 1967 Aurelio Galfetti, Flora Ruchat-Roncati, Ivo Trümpy. Aufgrund des Baugeländes, das sich zwischen der Stadt und dem Ticinoufer erstreckt, entwickelte das Architektenteam die Idee einer Passerelle. Diese verbindet die Stadt und das Flussufer und verknüpft so Vergangenheit und Zukunft; das historische Zentrum mit der Neustadt und ihren Freizeitanlagen. Damit wird auch die mittelalterliche Wehrmauer, die einst die Ebene abriegelte, neu interpretiert.

Das war das Neue. Und es war die Antwort auf den planerischen Wildwuchs und ästhetischen Einheitsbrei. Zwar wurden vorfabrizierte Elemente, Beton, Stahl und Glas eingesetzt. Doch geplant wurde nicht im luftleeren Raum am Reissbrett, sondern man setzte sich intensiv mit dem Ort, seiner Besonderheit und Geschichte auseinander. Mit dem an Architekturschulden in Zürich, Lausanne und Milano erlernten Handwerk und mit Le Corbusier und Aldo Rossi im Kopf erfanden die Besten, was heute als “kritischer Regionalismus” oder “territoriale Architektur” einen Namen hat. Diese Konzepte setzten die Jungarchitekten der Zersiedelung der Landschaft und den mit pseudotoskanischen Villen übersäten Hängen an den Seeufern entgegen. Es war eine Architektur des Widerstandes. Denn der Bauboom erwies sich damals in der Südschweiz als krasser als im Rest der Schweiz und hatte nicht nur massive Auswirkungen auf die natürlichen Ressourcen, sondern auch auf die soziale Ordnung. Boden wurde knapp, und die Preise für Wohnraum stiegen ins Unermessliche.

Möglichkeiten, die neuen Ideen umzusetzen, bot vor allem der Bau von Schulanlagen. Die alten Bauten in den Dörfern platzten aus allen Nähten, und neue pädagogische Ansprüche erforderten andere Räume. In Chiasso, Balerna, Bedano, Stabio und in Biasca wurden Kindergärten gebaut; lichtdurchflutete Anlagen mit grosszügigen Gründflächen drumherum. In Riva San Vitale baute das Architektentrio Aurelio Galfetti, Flora Ruchat-Roncati, Ivo Trümpy die neue Schulanlage mit Kindergarten und Turnhalle. In Losone entwarfen Livio Vacchini und Aurelio Galfetti das Gymnasium. Und in Morbio Infreriore baute Bario Botta das kantonale Gymnasium. Es ist der Versuch, notierte der Architekt “alternative Vorschläge auszuarbeiten, um eine andere Strukturierung der Werte des Ortes in Gang zu bringen und zu erleichtern, um damit die heutigen Anforderungen zu erfüllen und das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt in ein neues Gleichgewicht zu bringen.” So wurden zwischen 1962 und 1973 im Sopra- und Sottoceneri fünfzehn Schulanlagen errichtet.

Eingeleitet hatten die Architektur-Ära die drei Burgen in Bellinzona. Bereits 1964 setzte Tita Carloni, Mario Bottas Lehrmeister, mit dem Umbau des höchstgelegenen Castello di Sasso Corbaro neue Massstäbe im Museumsbau. Ebenso vorbildlich verwandelten zehn Jahre später die Architekten Mario Campi, Franco Pessina und Niki Piazzoli das mittlere Castello di Montebello in ein Museum. Und mit dem grössten, dem Castelgrande, zündete Aurelio Calfetti 1992 nach zwölfjähriger Bauzeit ein wahres Feuerwerk: ein Gesamtkunstwerk aus alten Wehrmauern, Fels und Beton. Das Konzept für diese Kultur- und Begegnungsstätte mit Museum bestand darin, zu konservieren, indem etwas Neues geschaffen wurde.

Einfamilien- und Mehrfamilienhäuser aus den Federn der “Tessiner Schule” wurden eher selten realisiert. Doch was gebaut wurde, setzte ebenfalls Massstäbe. So etwa das 1966 Haus erbaute Haus Snider in Verscio von Luigi Snozzi und Livio Vacchini; und auch die von Mario Botta anfangs der Siebzigerjahre erbauten Einfamilienhäuser in Riva San Vitale und in Cadenazzo werden heute bestaunt. Damals aber blieben die neuen Tendenzen jedoch weitgehend randständig. Einen mittleren Schock löste jedenfalls das Bankhaus an der Piazza Collegiata, das 1960 Architekt Augusto Jäggli in die Lücke der historischen Baulinie füllte. Heute fallen am nördlichen Stadtrand Bellinzonas die zwei Wohnblöcke an der Via Prato Carasso aus den Sechzigerjahren und das 1972 erbaute Wohn- und Geschäftshaus an der Via San Gottardo des Mailänder Architekten Roberto Bianconi kaum mehr auf.

Hervorragende Bauten sind allerdings immer noch Rosinen im allgemeinen Baukuchen. Immerhin konnte die Avantgarde wesentliche Projekte verwirklichen: Aurelio Galfetti die Piazza Castello in Locarno und Livio Vacchini die Piazza del Sole in Bellinzona von. Und dass der Kanton Tessin mit der Architektur-Akademie in Mendrisio über eine eigene universitäre Ausbildungsstätte verfügt, ist ebenfalls das Verdienst dieser Vorkämpfer. Auch kommen heute die Nachkommen zum Zug. Nicht allein die einzelnen Bauten zählen heute, sondern städtebauliche Verknüpfungen, die ein grobmaschiges Netz gebildet haben. Und so wurde Tessiner Architektur im Laufe der Zeit ein von vielen getragenes Kulturgut.

Literaturhinweis: Diesen Frühling veranstaltete die ETH Zürich die Ausstellung “Il Bagno di Bellinzona”. Das Bad gilt als einer der ersten Bauten eines “kritischen Regionalismus”, der seit dem Ende der Sechziger Jahre die Tessiner Architektur prägt. Dazu erschien, herausgegeben von Martin Steinmann und Thomas Boga, der Nachdruck “Tendenzen. Neuere Architektur im Tessin”, ergänzt und erweitert mit italienischen und englischen Übersetzungen im Verlag Birkhäuser, 2010 Basel, zum Preis von Fr. 99.- bzw. 59.90 Euro.