Das Museo Onsernonese in Loco eröffnet eine Sonderausstellung zum 100. Geburtstag des bedeutenden Schriftstellers Max Frisch

‘DIE GEFUNDENE ZUFLUCHT’

von Gerhard Lob
Berlin Lebeck, ©Robert

Das Onsernone ist nicht nur ein Tal der Emigration, sondern vor allem seit Beginn des 20. Jahrhunderts dank den Besonderheiten seiner Natur- und Kulturlandschaft auch ein Tal der vorübergehenden oder dauerhaften Immigration von unterschiedlichsten soziokulturellen Gruppen, man denke nur an die Ausläufer der Monte Verità-Bewegung, den Emigrantenkreis “La Barca” um Valangin/ Rosenbaum , die Landkommunen-Bewegung oder Schriftsteller wie Alfred Andersch, Golo Mann und Max Frisch.

Die Onsernoneser Immigranten haben durch ihr Leben und Werk Berzona, das Onsernone nicht nur international bekannt gemacht, sie haben das Leben des Tales entscheidend geprägt.

Elemente dieser Entwicklung hat das Museum in den letzten Jahren in einer Reihe von Sonderausstellungen und Veranstaltungen (L’Arca d’Onsernone. Terra di rifugio e di ispirazione) dokumentiert.

Max Frisch (1911-1991) hat 1964 in Berzona eine Liegenschaft erworben, umgebaut und zu seinem Wohnsitz gemacht. Immer hatte er auch eine Wohnung in Zürich, lebte zeitweise in Berlin, New York und war auf Reisen. Das Berzoneser Haus, die Natur- und Kulturlandschaft des Onsernone blieben aber bis zu seinem Tod zentrales Element seines privaten, künstlerischen und öffentlichen Lebens.

Vor diesem Hintergrund würdigt das Museo Onsernonese, Max Frisch, den Ehrenbürger von Berzona, anlässlich seines 100. Geburtstags (*15. Mai 1911) im Rahmen von Veranstaltungen, die seine Person und sein Werk – insbesondere im Zusammenhang mit seinem Leben im Tal – in Erinnerung rufen.

Im Zentrum steht eine Ausstellung in den Räumen des Museo Onsernonese: Texte von Max Frisch, seinen Kollegen und Gästen, Fotografien, Filmausschnitte und weitere Dokumente erzählen in Deutsch und Italienisch die Welt von Max Frisch, sein Leben in Berzona, im Onsernone, seine Reise durch das Leben und durch die Welt: Max Frisch machte das eigene Leben und Erleben mit den Mitteln der Literatur zur Kunst. Mit seinen literarischen Texten gibt er Einblicke in sein Leben in Berzona, im Tal. Die sprachlichen Impressionen werden mit Fotos und Videoausschnitten illustriert.

Die Ausstellung präsentiert eine neue Perspektive auf das breite Spektrum der persönlichen und literarischen Lebenswelten und Existenzformen von Max Frisch. Die Geschichte von Max Frisch mit Berzona, dem Valle Onsernone wird präsentiert vor dem Hintergrund seiner Geschichte und seiner Geschichten.

Das Text- und Bildmaterial der Ausstellung ist dabei thematisch gruppiert. Die Themengruppen widerspiegeln die persönliche und künstlerische Auseinandersetzung von Max Frisch mit den Grundfragen menschlicher Existenz – Liebe und Liebesbeziehungen, Freundschaft, Wohnen, Arbeiten, Älterwerden, Tod.

Das Haus in Berzona und die natürliche Umgebung ermöglichten Frisch Offenheit und Rückzug, Bewegung und Ruhe, Unverpflichtetheit und Gebundenheit und waren als räumlicher, sozialer und kultureller Ort wesentliche Inspirationsquelle für seine Werke. “Das Tal ist für mich ein Zufluchtsort. Ich brauche mein Haus als einen Ort, wo ich ausserhalb von allem sein kann”, sagte Frisch einmal der lokalen Zeitschrift “Voce Onsernonese”. Im Tal war man stolz auf den berühmten Zugezogenen, auch wenn er keinen intensiven Kontakt mit den Einheimischen pflegte: Frisch wurde Ehrenbürger von Berzona.

Das Dorf Berzona bot Max Frisch das für ihn unabdingbare, wohltuende Gefühl der Unzugehörigkeit. Die faszinierende und ursprüngliche Umgebung des Onsernonetals beeindruckte ihn: Sie bestimmt das “Klima” und den “Hintergrund” der Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän . In diesem Werk hat er sich intensiv mit Alter und Tod auseinandergesetzt.

Kurz vor seinem 80. Geburtstag verstarb Frisch. Er habe den ursprünglichen Wunsch, seine Urne im Studio in Berzona einmauern zu lassen, verworfen, sagte Michel Seigner in der Totenrede. Seine Asche wurde gemäss seinem letzten Willen verstreut – irgendwo im Tessin. Geblieben ist nur eine Erinnerungstafel an der Friedhofsmauer des Ortes Berzona.

(Die TZ dankt dem Museo Onsernonese für die Bereitstellung der Fotos und des Dokumentationsmaterials.)