Allein die 20 Kilometer lange Fahrt durch das Onsernonetal ist einen Ausflug wert

IN VERGELETTO EINEN BLICK AUF DAS URSPRÜNGLICHE TESSIN ERHASCHEN

von Martina Kobiela
Die Farina Bona, ein traditionsreiches Tessiner Maismehl, wird bald wieder in den alten Mühlen aus dem 17. Jahrhundert hergestellt

Manchem Touristen fällt es schwer, die Te s s i n e r Kultur und Lebensweise zwischen deutschen Immobilienmaklern und italienischen Ristorantes auszumachen. In Vergeletto, zuhinterst in einem Seitental des Onsernonetals, lässt sich dieser seltene Blick auf den ländlichen Bergkanton erhaschen. Vom Strohhandwerk, für welches das gesamte Tal berühmt gewesen war, sieht man in der Gemeinde nichts mehr, aber die Farina Bona, ein Mehl, das aus gepopptem Mais hergestellt wird, wird im 69Seelen-Dorf wieder nach altem Rezept gemahlen, geröstet und verarbeitet. Drei der vier alten Mühlen, welche um 1700 erbaut wurden, werden restauriert. Christiano Terribilini, der junge Gemeindepräsident von Vergeletto, geht davon aus, dass die Arbeiten im Herbst dieses Jahres beendet sein werden.

Vergeletto besticht durch seine Abgeschiedenheit und seine Wildheit. Bereits die Anfahrt ist ein Abenteuer. Die vom Navigationsgerät veranschlagten 30 Minuten von Locarno sind illusorisch. Die 40-minütige Fahrt von der Stadt am Verbano auf der Bergstrasse durch das Onsernonetal und die anschliessenden 20 Minuten durch das Val Vergeletto sind eine Gelegenheit, seine Fahrkünste zu beweisen. Im Postauto können die Passagiere die räumliche Vorstellungskraft und die Reaktionszeit des Chauffeurs 80 Minuten lang bewundern, wenn der Busfahrer an überhängenden Felswänden vorbeimanövriert und in die Haarnadelkurven rast, nur um im letzten Moment stark zu bremsen, damit ein anderer Wagen vorbeifahren kann. Die atemberaubende Landschaft entschädigt in den Tessiner Bergen ungeübte Fahrer für die gelegentlichen Adrenalinschübe während der Fahrt: Malerische Dörfer kleben an den Hängen des Onsernonetals, um sie herum überzieht dichter grüner Wald die Hänge, lange sieht man im Rückspiegel den Lago Maggiore im Sonnenlicht glitzern.

Vergeletto ist besonders bei Kanufahrern beliebt. Bereits im April werden die ersten kunterbunten Plastikboote ins Wasser des Flusses Ribo gelassen. Um das Kanuparadies auf 900 m ü. M. zu erreichen, biegt man bei Ponte Oscuro nach Russo rechts vom weiten Onsernonetal in das engere Val Vergeletto ab. Das Dorf liegt am Boden des V-förmigen Tals. Die Gemeinde, der Fluss und die Strasse verlaufen parallel und fast ebenerdig. Die Letztere endet erst sieben Kilometer nach dem Dorfzentrum mit seiner grossen Kirche aus dem 17. Jahrhundert. Im Winter wird entlang des Ribo eine Langlaufpiste präpariert. Die Sonne scheint in der kalten Jahreszeit weniger als in manch anderem Dorf im Tal. Trotzdem kommen die Kinder der umliegenden Dörfer nach Vergeletto, denn die Gemeinde hat eine Kunsteisbahn, auf der die Jungen Eishockey spielen. Die Dorfbar, welche auch bei Eis und Schnee offen ist, dient den Einwohnern Vergelettos als Treffpunkt. Touristen verirren sich in der kalten Jahreszeit seltener in das ursprüngliche Dorf. Aber im Sommer sind auch sie in der Dorfkneipe anzutreffen, die oft allerdings schon um 19 Uhr schliesst. Obwohl die beiden Herbergen nur für etwa 70 Gäste Platz bieten, wächst die Bevölkerung der Gemeinde in der sonnigen Saison von 69 auf 300 bis 400 Personen an. Die sportlichen Gäste, die mit ihren gelben, roten und blauen Kanus gekommen sind, zelten oft. Die meisten Sommerbesucher beziehen irgendwann zwischen Mai und Oktober ihr eigenes Ferienhaus. Bekannt ist das Dorf zuhinterst im Vergelettotal bei Wanderern. Beliebte Ausflugsziele sind das Waldschutzgebiet Arena, die Alpe di Arena mit ihrer Berghütte, die Alpe di Porcareccio und die Alpe Ribia. Ausserdem existieren Wanderwege zum Maggiatal und ins Centovalli. Mit der Seilbahn von Zott nach Salei, welche am Wochenende von Freiwilligen bedient wird, um weiterhin in den schwarzen Zahlen zu bleiben, erspart man sich den langen Aufstieg durch den Wald zur Alpe Salei auf etwa 1800 m ü. M., um dafür in der Höhe ausgedehnt zu marschieren. Mit Glück und zur richtigen Jahreszeit könne man auf den umliegenden Bergen einen Blick auf einen Steinbock erhaschen, weiss Terribilini. Einmal in Vergeletto angekommen, kommt man lange ohne Einkaufstouren ins Tal aus. Denn die Gemeinde hat einen Lebensmittelladen, der nicht gewinnorientiert sondern gemeinwohlorientiert operiert. Gemeindepräsident Terribilini erklärt, dass es das Ziel sei, die Produkte zum gleichen Preis wie unten im Tal anzubieten. Da der Supermarkt in den Räumlichkeiten der Gemeindeverwaltung angesiedelt sei, könne der Laden mehr oder weniger kostendekkend betrieben werden. Ausserdem bieten das Grotto Ristorante Fondo Valle und die Locanda Zott weitere Verpflegungsmöglichkeiten.