Luganos Exekutive will aus Stadtpark und Strandbad eine neue Grünzone schaffen und auch bei der Renaturierung des Cassarate-Flusses im Vergleich zu anderen städtischen Zentren im Tessin eine Vorreiterrolle einnehmen

EIN URBANPROJEKT MIT SIGNALWIRKUNG

von Peter Jankovsky
Flanieren und entspannen: die Cassarate-Mündung als Naherholungsgebiet (Fotomontage: archigraphie.ch)

Städtisch: Dieses Attribut steht im Südkanton vor allem Lugano zu. Und die Stadt am Ceresio nimmt gerne Vorreiterrollen ein, um dem restlichen Tessin ein Vorbild zu sein. Nun gehören zu einer postindustriellen Urbanität möglichst natürliche Grünzonen, am besten im Zentrum gelegen. Damit kann Lugano aufwarten: Der 1840 entstandene Stadtpark – „Parco Ciani“ – liegt zentral und gleichzeitig am See, flankiert vom Fluss Cassarate, auf dessen anderer Seite sich das städtische Strandbad befindet. Die ganze Zone ist nicht nur ein geschätztes Naherholungsgebiet für die Einwohner, sondern auch ein Touristenmagnet.

Da liegt es nahe, dass die Stadtregierung auf besagtem Gebiet eine zeitgemässe Grünzone schaffen will. Bereits hat man Arbeiten durchführen lassen, damit der Cassarate ungehindert ein Delta im See ausbilden kann. Als wichtigstes Element des ganzen Projekts erweist sich aber die Renaturierung des Stadtflusses: Dieser werde im Rahmen des „Neuen Lugano“ eine zentrale Rolle spielen, sagt Giovanna Masoni Brenni (FDP), die als Chefin des Amtes für Kultur und öffentliche Bauten das Projekt lenkt. Sie erachtet den Fluss als künftige Schnittstelle von Urbanität und Natur.

Überschwemmungsgefahr

Dieser Plan geht Hand in Hand mit einem Entscheid des nationalen Parlaments vom Dezember 2009: Flüsse und Seen müssen revitalisiert werden, das Wasser soll natürlicher fliessen. Aber der eigentliche Grund ist für Lugano das Bedürfnis nach mehr Sicherheit. Denn der streckenweise total begradigte Fluss Cassarate, der in den Bergen des Colla-Tals entspringt, birgt eine merkliche Überschwemmungsgefahr in sich. Daher hatte der Kanton im Jahr 2001 ein 22 Millionen teures Sanierungsprojekt gestartet, das Eingriffe auf der ganzen Flusslänge vorsieht; hierbei sticht die stellenweise Renaturierung von der Ebene Piano della Stampa bis zur Mündung in den Luganersee hervor. Unregelmässiges Ufergelände mindert die Fliessgeschwindigkeit und damit die Gefahr von Überschwemmungen: Diese Einsicht hat man in der Deutschschweiz an etlichen Orten in die Tat umgesetzt – im Tessin jedoch kaum. Auch diesbezüglich möchte Lugano eine Vorreiterrolle einnehmen.

Die Entgradigung der letzten 200 Meter des Cassarate stellt also nur ein Teilprojekt dar. Auf der anderen Flussseite ist zudem in unmittelbarer Nachbarschaft zum Strandbad eine Fussgängerzone mit neu gepflanzten Bäumen, etlichen Sitzbänken, Wiesen sowie auch Felsterrassen, die zum Fluss hinabführen, geplant. Die Gesamtkosten des 2004 beschlossenen Stadtpark-Projekts belaufen sich auf 6 Millionen Franken; davon berappen Kanton und Bund 2,4 Millionen, für den Rest kommt die Stadt Lugano auf.

Letzten Dezember hatte das Stadtparlament dieses Projekt nach vielen polemischen Einwürfen abgesegnet – aber nur, weil sich die CVP, die Rechte (Lega, SVP) sowie die Linke (Grüne, SP) in einem ungewohnten Schulterschluss übten. Luganos Freisinn bezeichnete die Flussrenaturierung mehrheitlich als innovativ, aber nicht prioritär. Vorrang vor dem „zu teuren Projekt“ haben laut Fraktionsführer Roberto Badaracco der Bau von Schulen, Altersheimen, des Kulturzentrums LAC sowie die Restrukturierung der wild wuchernden Industriezone Pian Scairolo. Im Januar bildete sich dann ein überparteiliches Komitee gegen die Renaturierung. Es trug fristgerecht rund 4700 Unterschriften für ein Referendum zusammen, das punkto Ciani-Park die Beibehaltung des Status Quo fordert; nötig wären 3000 Unterschriften gewesen. Die Polemik ging also weiter und entwickelte sich zum medialen Dauerbrenner.

Stein des Anstosses ist vordergründig eine brüchige Mauer: Die Cassarate-Renaturierung erfordert den Abriss der 1905 errichteten Begradigungsmauer, die ein charakteristisches Merkmal des Ciani-Parks darstellt. Viele monieren, der Cassarate würde in den Park hineinfliessen und einen Teil der Erholungsfläche eliminieren; auch findet die geplante Passerelle entlang des renaturierten Ufers nicht bei allen Anklang. Die rissige Mauer, die ohnehin sanierungsbedürftig sei, hätten die Brüder Ciani bei der Konzipierung des Stadtparks nicht vorgesehen; bis zum Bau der Mauer habe der Cassarate ein natürliches Ufer gehabt, erklären Amtsvorsteherin Masoni sowie die mit der Renaturierung beauftragte Landschaftsarchitektin Sophie Agata Ambroise. Auch werde es zu keinem Verlust von Parkterrain kommen.

Anfang dieses Monats hat Amtschefin Masoni eine Zitterpartie erlebt: Das Renaturierungsprojekt überstand an der Urne knapp das Referendum, und zwar mit einem Mehr von blossen 106 Stimmen. 50,5 Prozent der Stimmberechtigten Luganos votierten für das Urbanprojekt – ein Überraschungssieg, den Masoni mit Genugtuung erfüllt, weil sie eine Niederlage befürchtet hatte. Zu denken gibt allerdings die tiefe Stimmbeteiligung von 32,6 Prozent.

Einer der Initianten des Referendums, der FDP-Gemeindeparlamentarier Giordano Macchi, weist zudem auf einen interessanten Umstand hin: In den drei Stadtteilen, die an den Parco Ciani angrenzen und deren Bewohner den Park bestens kennen, hätten die NeinStimmen deutlich überwogen; die 106 entscheidenden Ja-Stimmen seien aus den Aussenquartieren gekommen.

Bastion der Vergangenheit Die Luganer Abstimmung widerspiegelt ein typisches Tessiner Spannungsfeld: Das Interesse an urbaner Fortschrittlichkeit stösst auf die Furcht vor dem Verschwinden des bauliches Erbes; diese Furcht ist angesichts des ungehemmten Betonbooms der letzten Jahrzehnte stark gewachsen. Daher geniesst der bereits durch die Errichtung des Kongresszentrums versehrte Ciani-Park bei vielen den Status der Unberührbarkeit – er versinnbildlicht eine Bastion der Vergangenheit. Das Urbanprojekt trage dem Rechnung und befreie den Park sogar von den Bauboom-Wunden, versichert Bauamtsvorsteherin Masoni. Ihren ExekutivKollegen, den Lega-Präsidenten Giuliano Bignasca, muss sie allerdings enttäuschen: Er habe am renaturierten Flussstück einen Badestrand gewollt; doch im Ciani-Park herrsche Badeverbot. – Die Mauer des Anstosses darf also fallen – dies hat urbanistische Signalwirkung fürs Tessin.