Max Frisch als Architekt

“ALLES FERTIGE HÖRT AUF BEHAUSUNG UNSERES GEISTES ZU SEIN”

von Annegret Diethelm und Attilio D’Andrea, www.adad.ch
Zürich Frisch-Archiv, Max © Haus vor dem Umbau; Bild rechts nach dem Umbau
Gemeindehaus in Hausen am Albis, Architekt Franz Bruno Frisch (Vater von Max Frisch)

1940 schloss Max Frisch (1911-1991) an der ETH Zürich sein Architekturstudium mit dem Diplom ab. Im gleichen Jahr erhielt er im Architekturbüro seines Professors William Dunkel (1893-1980) eine Stelle. William Dunkel gehörte wie Le Corbusier und Walter Gropius zu den Architekten des Neuen Bauens, einer im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts aktiven Bewegung, die durch klare, schlichte und rationelle Gestaltung, den Einsatz moderner Bautechnik und sozialem Engagement die Wohn- und Lebensverhältnisse verbessern wollte: Luft, Licht und Sonne gegen den Mief der Hinterhöfe.

1942 heiratete Max Frisch seine Studienkollegin Gertrud “Trudy” Anna Constance von Meyenburg (1916-2009), die Tochter des Pathologen Hanns von Meyenburg und Schwester des Architekten Hans von Meyerburg. Die Familie von Meyenburg ist seit über 120 Jahren Eigentümerin des Zürcher Landsitzes Schipf in Herrliberg am Zürichsee. Aus dieser Beziehung gingen Max Frischs einzige Kinder Ursula (1943), Hans Peter (1944) und Charlotte (1949) hervor.

Ein “ehrlicher Beruf” (Bertolt Brecht zu Max Frisch während der Besichtigung der Baustelle Letzibad 1948) Der Entscheid zum Beruf des Architekten und zur Gründung einer Familie bedeutete für Max Frisch die Zuwendung zur Sesshaftigkeit, Bürgerlichkeit und Stetigkeit nach einem bewegten Leben als stets unterwegs Seiender, u. a. als Berichterstatter für die NZZ (Prag, Budapest, Sarajevo, Dubrovnik, Zagreb, Istanbul, Athen, Bari und Rom). Als Journalist sicherte er sich und seiner Mutter, Karolina Bettina Frisch-Wildermuth, ein Auskommen, nachdem sein Vater, der zu Unrecht verkannte Architekt Franz Bruno Frisch, 1932 gestorben war und er das 1931 begonnene Germanistikstudium aus finanziellen Gründen abbrechen musste. In dieser frühen Zeit entstanden die ersten schriftstellerischen Arbeiten wie Jürg Reinhart (1934) und Antwort aus der Stille (1937).

Der Architekt Max Frisch entwarf etwa ein Dutzend Bauten, von denen jedoch nur vier verwirklicht wurden, zwei Einfamilienhäuser für seinen Bruder Franz, ein Landhaus für den Haarwasserfabrikanten K. F. Ferster und als wichtigstes Bauwerk das oft gerühmte Freibad Letzigraben (auch Letzibad, MaxFrisch-Bad), in Zürich Altstetten.

1943 gewann der 32-jährige Max Frisch unter 65 eingereichten Arbeiten den Architekturwettbewerb der Stadt Zürich für den Bau des Freibads Letzigraben. Aufgrund der kriegsbedingten Materialknappheit wurde mit dem Bau erst 1947 begonnen. Heute steht die 1949 eröffnete, 2006/07 originalgetreu renovierte Anlage unter Denkmalschutz. Das Letzibad ist ein leichtes, lichtes, luftiges Gartenbad im Stil der Landi, das Sehnsucht nach Weite und Meer evoziert.

Das bürgerliche Leben mit ehrlichem Beruf dauerte bis 1954 (Scheidung 1959). In diesem Jahr verliess Max Frisch seine Familie nach dem schriftstellerischen Durchbruch mit dem 1954 erschienenen Roman Stiller und wandte sich ganz dem Schreiben zu, das er auch während seiner Architektenzeit nie aufgegeben hat. Trudy Frisch - von Meyenburg machte sich als Architektin selbstständig. Eine ihrer wichtigsten Arbeiten ist das Schulhaus Auzelg in ZürichSchwamendingen (1973). Sie unterstützte den Wiederaufbau alter Gutshöfe im Umfeld von Longo Mai in Frankreich, schuf nach italienischen Bauvorbildern die Spielzeugkästen Borgo und Rocca , bemalte Holzklötzchen, die sich zu Städtchen und Siedlungen zusammenbauen lassen.

Ich habe nie davon geträumt, ein Haus zu haben; jetzt möchte ich es. (Max Frisch, Montauk, 1975) Nach Jahren der Reisen und wechselnden Beziehungen, u. a. mit Ingeborg Bachmann, trat Max Frisch in eine verbindlichere Nähe mit der 28 Jahre jüngeren Germanistikstudentin Marianne Oellers (Heirat 1968). Der Kauf eines grossen Geländes – ein Dschungel von Brennesseln und Brombeeren, viel Farnkraut; wie üblich in dieser Gegend: Trockenmauern aus grobem Feldgestein stützen die Terrassen. (…) Viele Kastanienbäume gehören dazu – mit einem Wohnhaus und einem turmartigen Stall in Berzona scheint dem wiedererweckten Bedürfnis nach grösserer Sicherheit und Verbindlichkeit zu entspringen. Eins ist mir von der ersten Stunde an klar: allein, als Junggeselle, könnte ich in diesem Tal nicht hausen. Ich sehe den Balken, wo ich baumeln würde; es wäre leicht zu veranstalten von einem kleinen Fenster aus. Ich lebe aber mit Dir, schon seit drei Jahren; wir haben noch nie über Ehe gesprochen. Der Architekt Frisch wird aktiv: Ich messe aus. Die Räume sind klein, die Mauern dick, und viel wird man von dem alten Gemäuer nicht herausreissen können; trotzdem scheint es mir möglich, hier eine Wohnlichkeit herstellen zu können. Draussen an einem Tisch aus Granit, wie sie im Tessin üblich sind, mache ich Skizzen. In Rom zeige ich sie Dir, erläutere die beschränkten Möglichkeiten, und Du siehst, ich hätte Lust. Zu oft habe ich die Wohnungen gewechselt. Hier wäre Platz für eine Bibliothek, die wächst; unsere Bibliothek. Hier dein Arbeitszimmer mit Ausgang in den Garten. Hier eine Kammer für Gäste. Ich berate mich mit einem jüngeren Architekten, der in der Gegend wohnt und den Umbau betreuen kann, und ich entschliesse mich zum Kauf, 1964. (…) Hin und wieder besichtigen wir den langwierigen Umbau. Eine Zeitlang sieht es verrückt aus: eine Ruine, die morschen Böden herausgerissen, es stehen nur die schweren Mauern, die das Dach tragen; draussen Haufen von morschem Gebälk. Es muss betoniert werden, damit das Ganze hält. Man stolpert durch ein Dickicht von Verspriessungen. Der Umbau, von dem jungen Architekten betreut mit Lust und Sorgfalt, dauert ein volles Jahr. Wir gehen mit ihm, um Platten auszuwählen, Armaturen für Küche und Bäder; Du kannst wählen. Inzwischen kennst Du den Grundriss und schenkst uns Vertrauen, dem jungen Architekten und dem ehemaligen Architekten zusammen. Du siehst meine kindliche Freude am Bauen, meine männliche Freude. (Zitate: Montauk, 1975) Mit dem radikalen Umbau des alten Gemäuers verwirklichte der bestandene Schriftsteller seine Vorstellung eines Réduits, eines persönlich gestalteten Ortes, wo Rückzug jederzeit möglich ist. Mit seinem Gestaltungstalent öffnete er die Plätze auf den verwilderten Terrassen für Sitzplätze, eine Bocciabahn und ein Schwimmbad. Das im Innern fast vollständig neu gebaute Wohnhaus mit teilweise veränderten Fassaden strahlt Ruhe und Wohnlichkeit in der Atmosphäre der sechziger Jahre aus, der zum hohen Raum der Gedankenarbeit umgestaltete Stall garantiert Inspiration.

Der lebensimmanente Widerspruch: Leben als Entwurf – als Grundriss – als Prinzip und alles Fertige hört auf, Behausung unseres Geistes zu sein

Das wichtigste, bereits in seinem Frühwerk zum Tragen kommende Lebensprinzip Max Frischs ist die unaufhörliche Wandlung, das stete Unterwegssein, das immerwährende Offenlassen aller Möglichkeiten, seine einprägsame Warnung: Du sollst Dir kein Bildnis machen! Der Wunsch nach Sesshaftigkeit, nach Ruhe, nach Schutz, Beziehung, nach einem Bild in weitestem Sinn, diese Bedürfnisse zu befriedigen ist eine der Hauptaufgaben der Architektur. Der Bau eines Hauses steht dem Nomadenleben diametral entgegen. Der Schriftsteller baut verwandelbare Luftschlösser, der Architekt baut Betonklötze in die Landschaft, die jahrzehntelang stehen bleiben. (Jürg Seiberth, www.seiberth.ch) Max Frisch, der Architekt, der Häusliche, der Lebenspartner, der Freund – Max Frisch, der Schriftsteller, der Nomade, der immer die Fluchtdistanz wahrte: In dieser Spannung vibrieren seine Werke und vibrierte sein Leben: Plötzlich ist es da, eine Stützmauer, unfertig und dennoch bestimmt, nicht mehr auszuwischen, wirklich, greifbar, hochmütig wie alles Wirkliche. Ich ging nachher noch einmal hinauf, allein, nur um noch einmal vor einer sturen kleinen Mauer zu stehen, im überflüssigen Gefühl davon, dass nun alles was auch noch möglich gewesen wäre, begraben ist, – als blosse Idee, als Möglichkeit nicht mehr aufkam gegen das Handgreifliche dieser gemachten Mauer. (Max Frisch, Das erste Haus, Notizen eines Architekten, NZZ 13.9. und 20.9.1942)

Hinweis auf vier Führungen zu Max Frisch im Onsernonetal: Am 10., 11., 17. und 18. Oktober 2011 bietet der Info-Point Valle Onsernone in Zusammenarbeit mit der Kunsthistorikerin und Germanistin Annegret Diethelm vier ganztägige Führungen zu Max Frisch an.

Genauere Auskunft und Anmeldung : Info-Point Valle Onsernone, Auressio, Tel. 091 797 10 00, info@onsernone.ch.

(MAX FRISCH,1942)