Christoph Zollinger entdeckte seine Leidenschaft zum Schreiben und für den Kulturphilosophen Jean Gebser in Ascona. Mit seinem Buch “Epochaler Neubeginn” wagt er eine moderne Interpretation Gebsers

JEAN GEBSER INSPIRIERT EPOCHALEN NEUBEGINN

von Martina Kobiela
Christoph Zollinger aus Kilchberg in seinem Ferienhaus in Ascona

Der selbstständige Unternehmensberater Christoph Zollinger wurde vom Kulturphilosophen Jean Gebser zum Schreiben inspiriert. Zollinger, ehemaliger Gemeinderat von Kilchberg, hörte in seiner Ferienresidenz Ascona erstmals von Gebser. Er ist bis heute von dessen integraler Weltsicht fasziniert.

TZ: Sie haben ihr kürzlich erschienenes Buch „Update nach 2500 Jahren. Epochaler Neubeginn“ zum Teil in ihrem Ferienhaus in Ascona geschrieben.

Christoph Zollinger: Ja, schreiben in Ascona, mit diesem Licht, das ist etwas Spezielles, finde ich. Ich bin ja nicht der Erste, der das sagt. Hier kommen Gedanken auf, die zu Hause nicht kämen. Meine Beziehung zum Tessin ist eine sehr lange. Seit 1964 kamen wir regelmässig nach Ascona. Wir sind auf den See gefahren und haben geschaut, wo es am schönsten ist. Wir haben diesen Hang gesehen und dann bei den alten Damen, die hier wohnten, angeklopft. Schlussendlich konnten wir das Grundstück, auf dem unser Haus heute steht, kaufen.

Sie verweisen in ihrem Buch „Epochaler Neubeginn“ immer wieder auf Jean Gebser. Kannten sie Gebser bereits bevor sie nach Ascona gekommen sind?

Nein. Die Dame in Ascona, die uns das Land verkauft hatte, sagte: „Sie müssen Jean Gebser lesen.“ Dann habe ich seine Bücher gekauft und war fasziniert von seiner Weltanschauung. Ich finde, er hat vor 50 oder 60 Jahren besser erklärt, was heute passiert, als irgendein anderer. Jean Gebser ist für mich ein faszinierender Mann. In Ascona haben ihn viele Leute gekannt. Es ist merkwürdig, dass er im Tessin bekannter war als in Zürich.

Sie gehen einen Schritt weiter als Gebser. Bei Gebser geht es darum, dass sich das menschliche Bewusstsein ändert. Sie aber sagen, dass sich nicht nur das Bewusstsein der Menschen ändert, sondern deren gesamte Umwelt?

Ja, genau. Ich mache eine moderne Interpretation von Gebser. Globalisierung und Internet sind die beiden offensichtlichsten Erscheinungen der Weltveränderung. Sie treiben uns in eine neue Welt.

Bei der Lektüre ihres Buches wird nicht klar, in welchem Zeitrahmen sich der epochale Neubeginn, von dem Sie sprechen, abspielt. Die letzte Umbruchsphase habe sich vor 2500 Jahren in der Antike abgespielt. Sie schreiben in Bezug auf die jetzige Umbruchsphase vom Ende des Zeitalters der Kämpfe in Europa, aber wann hat dieser erneute Wandlungsprozess begonnen?

Die Unterscheidung in Epochen ist natürlich willkürlich. Aber den Titel des Buches musste ich ja aus dem Nebel der Vergangenheit heraus erscheinen lassen, deshalb habe ich diese 2500 Jahre gewählt. Der Versuch, Konflikte durch Kooperation und nicht durch Krieg zu lösen ist für mich Bestandteil des neuen Denkens. Das läuft jetzt ab. 2500 Jahre nachdem die Griechen erstmals versucht haben, eine Demokratie aufzubauen, nachdem Menschen erstmals begonnen hatten, an sich selbst, anstatt an ihre Götter, zu glauben. Darum mache ich diese epochale Unterscheidung, die übrigens nicht eine Idee von mir ist, sondern von Jean Gebser.

Fängt der epochale Neubeginn mit der Industrialisierung an?

Ja. Jemand, den relativ viele Leute nie begriffen haben, ist Pablo Picasso. Er war der erste Künstler, der diese neue Epoche erfasste und malte. Diese neue Gleichzeitigkeit, die wir heute im Internet haben. Dieses Phänomen hat er gemalt, indem er eine Frau von vorne und von der Seite gleichzeitig ins Bild gebracht hat. Eine faszinierende Idee.

Sie beschreiben Rationalität und die Trennung von Vernunft und Emotion als etwas, das einer Beschränkung des menschlichen Potenzials gleichkommt. In der Zeit der Aufklärung waren es genau diese Trennung und die Fixierung auf die Vernunft sowie auf das Falsifizieren von Hypothesen durch Experimente, die zu einem grossen Aufbruch geführt haben. Jetzt sagen Sie in ihrem Buch, dass diese Trennung falsch war und dass sie wieder rückgängig gemacht werden sollte?

Nein, ich sage nie, dass etwas falsch war. Ich sage, wir lernen immer dazu. Und rückblickend modifizieren wir vielleicht eine Entwicklung, die an ihrem Ursprung richtig war. Durch das rationale Denken entstand der Dualismus: die Links-RechtsPolarisierung in der Politik und das Richtig- und Falsch-Verhalten. Diese Dualismen sind, meines Erachtens, weit vom ursprünglichen Gedanken der Aufklärung entfernt. Das sollte man wieder zurückführen, finde ich, denn Rationalität und Emotionalität gehören zusammen.

Wenn Sie zusammenfassen müssten: Was wäre Ihr Ratschlag? Wie sollte man andere Menschen betrachten?

Man sollte versuchen, sie zu verstehen. Ich spreche gelegentlich von Christoph Blocher, denn er ist in der Schweiz die polarisierende Kraft per se – ich habe früher nicht verstanden, wie Blocher bestimmte Dinge sagen kann. Jetzt verstehe ich es. Das heisst nicht, dass ich gleicher Meinung bin. Wenn man die Vorgeschichte, die Erziehung und das Elternhaus einer Person kennt, kann man sie verstehen lernen. Am Schluss steht da jemand, der überzeugt ist, richtig zu handeln. Er hat keinerlei Zweifel an sich und ist von seiner subjektiven Wahrheit überzeugt.

Sie kennen sicherlich die Partei Lega dei Ticinesi und ihren Vorsitzenden Giuliano Bignasca. Können Sie...

Auch er ist felsenfest überzeugt, dass sein Handeln und sein Denken die einzig richtige Möglichkeit darstellen. Er ist ja ein eigenartiger Mensch, aber offensichtlich hat er Charisma, denn sonst hätte er nicht so viele Wähler hinter sich geschart.

Sie glauben nicht, dass Populisten lügen, um an mehr Macht zu kommen?

Überhaupt nicht. Nein. Ich würde eher sagen, dass ihr Handeln fast missionarische Züge hat. Sie sind überzeugt, dass sie Recht haben. Das ist beängstigend. Der moderne Mensch müsste doch in der Lage sein, das eines Tages zu durchschauen.

Christoph Zollinger hat bereits vier Bücher, jedes davon durch einen anderen Verlag, veröffentlicht.