BIXIO CAPRARA

“IN DER TURNHALLE AUFGEWACHSEN”

Er ist seit 1997 Direktor des nationalen Jugendsportzentrums . Dort trainieren neben Schulklassen und Sportvereinen erfolgreiche Leistungssportler. Gegenwärtig bereitet sich dort der australische Schwimmer Ian Thorpe auf die Olympischen Spiele 2012 vor

von Martina Kobiela

Bixio Caprara ist verspätet. Er ist noch bei einem Geschäftsessen in der Mensa des nationalen Jugendsportzentrums in Tenero (Centro Sportivo Nazionale della Gioventù di Tenero – CST). Er ist ein vielbeschäftigter Mann. Sein Tag beginnt um halb sieben, und er ist oft auch noch spät abends eingespannt. Er ist Direktor des Jugendsportzentrums, sitzt für die FDP im Grossen Rat und ist Vorstandsmitglied der Stiftung Amilcare. Ausserdem sitzt er im Komitee des Turnvereins von Bellinzona und ist sowohl Vorsitzender der Kontrollkommission der Berufsschule für Spitzensportler als auch der kantonalen Prüfungskommission für Sportmanager. Heute hat er während dem Mittagessen über die Bauarbeiten gesprochen. Der neue Zeltplatz soll samt modernen sanitären Anlagen und Küchen am Freitag, den 13. September 2013, eröffnet werden. Das 60’000 Quadratmeter grosse Projekt, bei dem das Terrain zum Überschwemmungsschutz bis zu 1.5 Metern angehoben werden muss, soll knapp 24 Millionen Franken kosten. Schnellen Schrittes, aber freundlich lächelnd, braust er etwas über zehn Minuten zu spät in die Rezeption des Sportzentrums.

Er ist ein schlanker Mann. Obwohl er zurückgelehnt mit übereinandergeschlagenen Beinen in seinem Büro sitzt, wirkt er energisch. Er gestikuliert viel, blickt seinem Gesprächspartner immer in die Augen. Nie löst er den Blickkontakt als Erster. Das kann einschüchternd wirken. Wer ihn schon einmal auf der Seepromenade zwischen Tenero und Locarno joggen gesehen hat, weiss, dass er muskulös ist und nicht leicht ausser Atem kommt. Sport ist ihm wichtig. Von sich selbst sagt er: “Ich bin in der Turnhalle geboren und aufgewachsen.” Seine Leidenschaft war die Gymnastik. Bereits mit 16 war er Trainer. Beim nationalen Jugendsportzentrum ist Caprara schon seit 22 Jahren beschäftigt. Die ersten Jahre leitete er den Sport- und Gästebereich, seit 1997 ist er der Direktor des Sportzentrums. Etwas weniger bekannt ist, dass bereits Capraras Diplomarbeit an der ETH Zürich das nationale Jugendsportzentrum zum Thema hatte. Als er 1989 seine Stelle in Tenero antrat, sah das CST anders aus als heute. Damals stand noch keines der heute so bekannten roten Backsteingebäude des Tessiner Architekten Mario Botta. Auch die sportliche Infrastruktur war noch nicht so weit ausgebaut. Fast jede erdenkliche Sportart kann heute am Ufer des Lago Maggiore ausgeübt werden. 1985 gab es im CST eine Dreifachhalle, ein Aussenschwimmbad (Olympisches Becken, Sprungbecken, Nichtschwimmerbecken), zwei Kunstrasenplätze für Mannschaftsspiele sowie einige andere Sportanlagen. Das Sportzentrum sei noch bis zur Jahrtausendwende in der Deutschschweiz bekannter gewesen als im Tessin, erklärt Caprara die “damalige”, wie er betont, Krux der Institution. Als er 1997 zum Direktor des CST wurde, war die Bekanntmachung des Jugendsportzentrums im Tessin ein essentieller Teil seiner Agenda. Inzwischen wird die Infrastruktur zu 50 Prozent von regionalen Sportlern benutzt, wie Caprara stolz erklärt: “Etwa hundertdreissig Sportvereine aus der Region nutzen unser Zentrum. Meist sind sie abends hier, um zu trainieren, wenn die angereisten Gruppen ihr Tagesprogramm bereits abgeschlossen haben.” Capraras Leben kreist um den Sport. Von der Sonntagszeitung il caffè hat er diesen Sommer die wöchentliche Rose als Auszeichnung für sein regelmässiges Lauftraining erhalten. Wenn möglich versuche er, auf das Mittagessen zu verzichten und stattdessen joggen zu gehen, erläutert Caprara seine persönliche Einstellung zum Sport. Der 46-Jährige kann sogar prahlen: “Vor drei Wochen bin ich den Halbmarathon von Tenero gelaufen.” Doch er schränkt ein, dass er selbst nie ein Spitzensportler gewesen sei – so wie die meisten Jugendlichen, die im CST Sport treiben. Der Leistungssport macht im nationalen Jugendsportzentrum nur einen kleinen, wenn auch sehr wichtigen, Teil der Arbeit aus. Neben Weltklassesportlern wie dem Olympia-Schwimmer Ian Thorpe, der seit Monaten im CST für London 2012 trainiert, und der Nachwuchsförderung im Leistungssport, treiben vor allem Schulklassen Sport in Tenero.

Caprara findet, dass die Massenmedien sich in ihrer Berichterstattung zu sehr auf die professionellen Sportler im Sportzentrum beschränken. Es ist ihm ein Anliegen, normale Jugendliche zum Sport zu animieren: “Heute bewegen sich viele Jugendliche zu wenig. Das führt zu Übergewicht und anderen gesundheitlichen Problemen. Es ist besorgniserregend, dass Kinder ihre Freizeit alleine in ihrem Zimmer vor dem PC verbringen. Das Ziel ist es, die Kinder aus ihrem Zimmer rauszuholen, zu anderen Kindern zu bringen und ihnen die Freude an der Bewegung beizubringen. Doch auch Eltern müssen ihren Beitrag dazu leisten.” Dabei helfe es natürlich, wenn Kinder, Eltern und Lehrer wüssten, dass auch professionelle Sportler, wie zum Beispiel die deutsche Fussballnationalmannschaft im Jahre 2008, im CST trainierten. “Die sagen sich dann, was gut genug für die Prominenten ist, ist auch für unsere Kinder gut genug. Ich bin stolz, auch anspruchsvollen Athleten optimale Trainingsbedingungen bieten zu können.” Die deutsche Nationalelf hatte eine Liste mit Bedingungen an das Sportzentrum geschickt. Sie verlangten unter anderem täglich grosse Mengen Eiswürfel für Kneippbäder nach dem Training. Anstatt diese zu kaufen, fand ein Mitarbeiter des Jugendsportzentrums eine bessere Lösung: “Wir heizen im CST mit Wärmepumpen. Das Grundwasser hat eine Temperatur von weniger als sieben Grad. Für die deutschen Sportler war das kalt genug.”

Was gut genug für Prominente ist, ist auch für unsere Kinder gut genug. Ich bin stolz, anspruchsvollen Athleten optimale Trainingsbedingungen bieten zu können