Zur besten Aussicht des Kantons mit dem Schiff und der Zahnradbahn von Lugano über Capolago: Auf dem Gipfel warten Wissenschaft und Kultur

AUF DEM MONTE GENEROSO VERRÄT DIE BÄRENHÖHLE IHRE GEHEIMNISSE

von Martina Kobiela
In der Eiszeit jagten Neandertaler im Gebiet um den Monte Generoso
Paläontologen fanden Fossilien aus der Eiszeit

Die Bärenhöhle auf dem Monte Generoso ist seit Mai wieder begehbar. Zwei Jahre lang war die Höhle, die siebzig Meter in den italienisch-schweizerischen Grenzberg hineinreicht, für Besucher geschlossen. Nur die Paläontologen der Universität Mailand hatten Zugang zu den Ausgrabungsstätten im Inneren, wo sie seit 15 Jahren 40’000 Jahre alte Fossilien freilegen. In mühseliger Feinarbeit haben die Forscher tausende Knochen und vereinzelte Werkzeuge ans Licht gebracht. Die heute auf italienischem Staatsgebiet liegende Kaverne hatte sowohl Tieren als auch Neandertalern als Unterschlupf gedient. Professor Andrea Tintori, Paläontologe an der Universität von Mailand, geht davon aus, dass die Neandertaler den unterirdischen Hohlraum vor allem in den Sommermonaten nutzten, um auf die Jagd zu gehen. Die wohl grössten Bewohner des natürlichen Unterschlupfs waren die vor 10’000 Jahren ausgestorbenen Höhlenbären (Ursus Spelaeus). Die pelzigen Tiere konnten bis zu einer Tonne wiegen. Ihre Kopf-Rumpflänge betrug bis zu 3,5 Meter, die Schulterhöhe zirka 1,70 Meter. Der Höhlenbär war somit deutlich grösser als der heutige Braunbär. Doch auch Wölfe und verschiedene Nagetiere nutzten die erst 1988 von zwei Tessinern entdeckte Höhle. In Anbetracht der Nähe der Kaverne zur Bergstation und zum Restaurant der Monte Generoso-Bahn erstaunt es, dass der eiszeitliche Unterschlupf erst in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts gefunden wurde. Vom Restaurant Vetta aus reicht ein kaum halbstündiger Fussmarsch, um den Eingang zu erreichen. Ein Paläontologiestudent der Uni Mailand führt die Besucher zu den Ausgrabungsstätten in der fast einen Kilometer langen Kaverne. Das unebene Terrain und die vielen Steigungen setzen jedoch gutes Schuhwerk voraus.

Erfolgreiche Zusammenarbeit für die Besucher

Die Zahnradbahn von Capolago, dem Dorf am süd-östlichen Zipfel des Luganersees, zur Bergstation Generoso Vetta, gehört zu den zwei ältesten Bergbahnen des Tessins. Das Bähnchen von Lugano-Paradiso auf den Monte San Salvatore fuhr ebenfalls erstmals im Jahre 1890, allerdings einige Wochen früher. Doch die Monte Generoso-Bahn kann sich eines anderen Rekordes rühmen: Sie hat die älteste noch fahrende Dampflok, die Lokomotive Nr. 2, noch in Betrieb (siehe Box). Die Talstation Capolago ist sowohl mit dem Zug als auch mit dem Auto einfach zu erreichen. Für einen Tagesausflug auf den Generoso lohnt sich die Anfahrt mit dem Schiff. Die Schifffahrt von Viertel nach zehn ab Lugano Centrale ist mit der Zahnradbahn auf den Monte Generoso koordiniert, denn die Gleise der Bahn reichen bis zum See. Bei gutem Wetter fährt um Viertel vor vier am Nachmittag ein Schiff von Capolago zurück in die Stadt. Diese Fahrt ist nur dank einer Kooperation der Schifffahrtsgesellschaft des Luganersees, Tourismus Mendrisio, der Gemeinde Mendrisio und der Monte Generoso-Bahn möglich. Der Direktor der Bahn, Marco Bronzini, betont: “Es ist eine beispielhafte Zusammenarbeit von privaten und staatlichen Institutionen für den Tourismus.”

Ausblick bis zum Mailänder Dom Dem Monte Generoso wird nachgesagt, der aussichtsreichste Berg des Tessins zu sein. Bei klarem Wetter sieht man vom Gipfel aus den Mailänder Dom, dessen weisse gothische Fassade in der Sonne strahlt. Doch selbst bei dunstigem Wetter ist der Blick auf den Luganersee, das Muggiotal oder den Comersee schlicht atemraubend. Von der Bahn aus hat man vor allem morgens und abends oft das Glück, Gämsen, Hirsche oder Wildschweine zu sehen, die sich längst an den seit fast 125 Jahren stündlich vorbeiratternden Zug gewöhnt haben.

Folgenreichste Naturkatastrophe für die Bahn 2011 musste die Bahn zwei Wochen lang wegen Erdrutschen geschlossen werden. Ein Naturereignis, dass in all den Betriebsjahren der Monte Generoso-Bahn noch nie in solchem Ausmass aufgetreten ist, wie der Direktor der Bahn versichert. Nun geht ein Riss durch das Hotelrestaurant Vetta. Die Hälfte des Gebäudes musste geschlossen werden. Deswegen plant die Gesellschaft der Monte Generoso-Bahn, zum 125 Jahr-Jubiläum eine komplett neue Struktur zu bauen und das alte Gebäude abzureissen. Das neue Restaurant soll sich vor allem durch eine bessere Energiebilanz auszeichnen. Geheizt werden soll mit Holzschnitzeln, auch um den Transport des Heizöls mit der Zahnradbahn zu vermeiden. Ausser einer stärkeren ökologischen Ausrichtung soll das touristische Angebot stärker auf Wissenschaft ausgerichtet werden. Zum bereits vorhandenen Weg der Planeten und der Sternwarte, soll ein archäologischer Park hinzukommen, in dem Kinder in der Praxis lernen können, wie paläontologische Ausgrabungen gemacht werden. Das ethnographische Museum Mendrisios saniert in Zusammenarbeit mit der Bergbahn einige “Nevere” auf der Alpe Genero, der Alp unterhalb der Bergstation. Bei den Nevere handelt es sich um runde Steinkonstruktionen, die kaum zwei Meter aus dem Boden hervorragen. Die früher als natürliche Kühlschränke genutzten Konstruktionen, die im Winter mit Schnee gefüllt wurden, reichen bis zu sieben Meter unter die Oberfläche.