Die Exponate gehören zum Unesco-Welterbe: Das von Architekt Mario Botta renovierte und vor allem deutlich erweiterte Fossilien-Museum im Südtessiner Dorf Meride hat seine Pforten geöffnet

DIE SAURIER DES TESSINS

von Peter Jankovsky
Das dreistöckige Atrium des neuen Museums mit Paddel- und Fischsaurier
Die zweieinhalb Meter lange Ticinosuchus-Fossilie
Mario Botta: die Kraft der Heimaterde bewusst machen

Verträumt liegt das Dörfchen Meride am Fusse des Monte San Giorgio, zwischen den beiden südlichen Armen des Luganersees. Von Weitem scheint Meride von der Zeit unberührt: Lauter historische Bausubstanz inmitten von Weinbergen und Feldern. Einzig ein abseits gelegenes Fabrikgebäude mit Ziegelstein-Schlot gemahnt an eine frühere industrielle Tätigkeit. Der Monte San Giorgio ist von Schichten schwarzen Schiefers durchzogen: Dieser ist brennbar und gilt als Muttergestein des Erdöls. Bereits im frühen 19. Jahrhundert wurde in Meride der schwarze Schiefer destilliert, um daraus kleine Mengen an Brennöl und Gas zu gewinnen. Doch vor allem diente der Extrakt dieses weichen BergGesteins bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zur Herstellung einer medizinischen Salbe namens „Saurolo“, die gegen Ausschläge und Entzündungen wirkte.

Grabungen seit 1850 „Saurolo“? Die Namensgebung ist natürlich kein Zufall: Zwecks Schieferabbau trieb man Stollen in den Monte San Giorgio und entdeckte dabei Fossilien von Sauriern – schwarzer Schiefer konserviert bestens organisches Material. Daher führten bereits ab 1850 Paläontologen an Merides Hausberg Grabungen durch, weil hier die Funde aussergewöhnlich gut erhalten und vielfältig waren. Von 1924 bis 1974 war für die Grabungen gemäss einem Vertrag mit der Gemeinde die Universität Zürich zuständig, die 1973 im Dorfkern Merides ein kleines Museum einrichtete. Natürlich gehen auch heute noch die Grabungen weiter, nunmehr unter der Federführung des in Lugano angesiedelten Tessiner Naturhistorischen Museums. Trotz der gar bescheidenen Dimension des “Museo dei fossili del Monte San Giorgio” kamen im letzten Jahrzehnt rund 6000 Besucher pro Jahr ins abgelegene Meride im schweizerischitalienischen Grenzgebiet, davon 30 bis 50 Prozent aus der Deutschschweiz.

Was sie anlockte, war weniger der Gratis-Eintritt, sondern die Fama des Unesco-Welterbes. Im Jahr 2003 hatte die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur dank den Bemühungen der Tessiner Regierung das Gebiet rund um den Monte San Giorgio mit seinen Fossilien zum schützenswerten Weltnaturerbe erklärt; 2010 wurde auch der italienische Teil des SanGiorgio-Bergzuges auf die Unesco-Liste gesetzt. Vor 243– 239 Millionen Jahren erstreckte sich hier ein Meeres-Becken mit subtropischem Klima – das Tethys-Meer –, bevölkert von Reptilien beziehungsweise Sauriern, Fischen und Krustentieren.

Einmalig viele FossilienSchichten

Der Berg stellt eigentlich den wichtigsten Orientierungspunkt für Funde aus der Zeit der mittleren Trias dar. “Der Monte San Giorgio weist fünf Fundschichten mit Fossilien auf, und so viele Schichten sind weltweit einmalig”, erklärt Heinz Furrer. Der Kurator am Paläontologischen Institut und Museum der Universität Zürich ist einer der besten Kenner des Tessiner Fossilien-Berges, hat er hier doch in den Jahren 1994 bis 2004 zahllose Grabungen durchgeführt. Ausserdem fungiert Furrer als wissenschaftlicher Verantwortlicher für die neue Dauerausstellung des Fossilienmuseums in Meride.

Neu sind auch die Ausstellungsräume, deren merklicher Aus- und Neubau kürzlich abgeschlossen wurde. Sie fallen durch ihre Grosszügigkeit auf und repräsentieren das Museum endlich in angemessener Weise. Von aussen sähe man dem alten Patrizierhaus in Merides Dorfkern gar nichts an, wenn da nicht die metallene Eingangstüre wäre. Hat man sie aufgeschwungen, betritt man ein drei Stockwerke hohes, topmodernes Atrium, das mit rostigen und dadurch angenehm warm wirkenden Metallplatten geschmückt ist. Und man wird von der Plastik eines Sauriers mit aufgerissenem Maul empfangen: Es ist der “Ticinosuchus”; laut Furrer der weltweit einzige Landsaurier aus der mittleren Trias, der komplett erhalten gefunden wurde. Und weil man ihn 1933 auf dem Monte San Giorgio ausgrub, lässt sich mit Fug sagen, das Tessin habe seinen eigenen Saurier. Gegenüber an der Wand hängt der Abguss der 2,5 Meter langen TicinosuchusFossilie, deren Original sich im Paläontologischen Museum der Universität Zürich befindet – wie die meisten Fundstücke vom Monte San Giorgio. So zum Beispiel auch das zweitgrösste Fundstück eines einzelnen Tieres, eines 4 Meter langen Paddelsauriers; das grösste je am Monte San Giorgio entdeckte Fossil wiederum, ein 6 Meter langer Fischsaurier, ist im Mailänder Museo civico di storia naturale ausgestellt. Zu den kleinsten Fossilien-Exponaten in Meride zählen ein 3 Zentimeter langes Fischlein und ein 5 Zentimeter grosser Saurier-Embryo.

Professionelle Führungen Auf den drei Stockwerken des neuen Atrium-Teils des Museums sind insgesamt 200 Fossilien-Exponate im Original oder als Abguss zu bewundern: Fisch- und Landsaurier, echte Fische, Krustentiere, Landpflanzen sowie ganze Gesteinsplatten mit Versteinerungen. Dazu kommen einige spezielle Saurier-Plastiken, die von der Decke des Atriums hängen. Zudem wird eine streng chronologische Reihenfolge der Exponate eingehalten: Zuunterst im Atrium sind die Fundstücke aus den ältesten Schieferschichten ausgestellt, zuoberst harren die „jüngsten“ Fossilien der Besucher. Genau seit einer Woche hat das neu gestaltete FossilienMuseum seine Pforten wieder geöffnet, und neu ist auch der Eintritts-Obolus von 12 Franken. Dafür werden die Besucher nun von ausgewiesenen Fachpersonen durch die Ausstellung geleitet; ausserdem bietet Merides Museum spezielle Guides für Schulklassen sowie für Touren auf dem Monte San Giorgio an, die an die Grabungsstätten führen.

Übrigens wird der Saurier-Berg seit rund 10 Jahren von Rangern überwacht. Denn der Schwarzhandel mit Fossilien ist ein einträgliches Geschäft: Beispielsweise kann bereits ein meterlanger Fischsaurier durchaus die beachtliche Summe von 50'000 bis 100'000 Franken einbringen. Auch auf dem Monte San Giorgio gab es kleinere Raubgrabungen, doch diese haben aufgehört, seit die Ranger patrouillieren.

Den Genius Loci betonen Die 3 Millionen Franken teure Erweiterung des Fossilien-Museums finanzierten Bund, Kanton sowie die umliegenden Gemeinden. Der Bau trägt die Handschrift des Tessiner Stararchitekten Mario Botta: Er nahm den Auftrag von der Gemeinde Meride an, weil es sich um eine wichtige Einrichtung in seiner Heimatregion handelt. Laut Botta stellt das kleine Fossilien-Museum eine besondere Art dar, den Genius Loci, die Geschichte und Natur dieser Gegend zu unterstreichen: “Es ist ein Verweis auf unsere Herkunft, ein Zeichen der beständigen, wunderbaren Evolution des Lebens.” Das neue Museum könne die Kraft der eigenen Heimaterde bewusst machen, so der Architekt. Und auf subtile Art an Folgendes erinnern: Das Tessin ist viel mehr als die helvetische Sonnenstube.

www.montesangiorgio.ch Öffnungszeiten: ganzjährig an den Wochenend- und Feiertagen, 8 bis 18 Uhr