Der Verein Forti, der Festungsanlagen erhalten will, verstärkt seine Lona-Linie im Biascese

DIE BUNKER ÖFFNEN UND DAS LEBEN EINLASSEN

von Rolf Amgarten
Die Wassererfassung “Acquedotto” von San Carlo am Ceneri: in Tat und Wahrheit ein Bunkereingang zum Geschütz
Der Geschützstand von San Carlo neben der Ceneristrasse
Forti-Präsident Osvaldo Grossi im Festungsmuseum Mondascia

Osvaldo Grossi begrüsst die wenigen Besucher im Forte Mondascia und nimmt den Journalisten zur Seite. „Wir sind froh, wenn das Interesse an unserem Engagement erhalten bleibt. Deshalb möchten wir euch über einige Neuigkeiten informieren. Es sind nicht grosse Sachen“, ergänzt in typischer Bescheidenheit der Präsident eines Vereins, der sich im Tessin zum Ziel gesetzt hat, die ausgedienten Befestigungsanlagen der Nachwelt zu erhalten. So heisst denn der Vereinszweck bündig und militärisch stramm: das Festungsmuseum Mondascia bei Biasca leiten, militärische Bauten und Festungswerke kaufen, mieten und verwalten. Damit wollen der Verein und seine etwas über 300 Mitglieder die Erinnerung an das Tessiner und Schweizer Festungswerk für die nachfolgenden Generationen erhalten und an sie weitergeben. So sagen es die Statuten.

Eigentlich ist der Anlass so klein aber gar nicht: es geht nicht allein um den grünen Pass aus Karton (s. Box). Es geht um den Zukauf von acht neuen Festungsanlagen. Man könnte überspitzt sagen, dass seit einer Woche die Lona-Verteidigungslinie im Biascese dem Forti-Verein gehört. Die Verhandlungen mit dem VBS (Verteidigung, Bevölkerungsschutz, Sport) dauerten über fünf Jahre. Letzte Woche wurde der Vertrag unterzeichnet. Vinkuliert ist er nur zum Fortino Anticarro San Carlo beim Ceneri, welches so belassen werden muss, wie es früher als Panzerabwehrbunker für den Sektor Monte Ceneri bis Rivera genutzt wurde. Getarnt als Wasserfassung mit der Überschrift Acquedotto .

Vierzehn Werke

Insgesamt hat der Verein nun 14 Werke unter seinen Fittichen. Aber das heisst noch lange nicht, dass Osvaldo Grossi den Traum vom Forte Spina auf dem Ceneri aufgegeben hat. “Natürlich wäre das schön und seitens der verantwortlichen Personen hiess es auch schon mal: wenn wir es weggeben, dann an euch.” Das Problem ist, dass jenes Werk in den Waffenplatz Ceneri integriert ist und noch teilweise genutzt wird. Gelänge es, dieses grosse Fort aus Beton mit seinen verwinkelten Felskavernen-Gängen auszugliedern, dann bestünde tatsächlich die Chance, dass irgendwann, in ferner Zukunft, auch die grösste Bunkeranlage auf dem Monte Ceneri zum Bestand der Forti-Fans gehören könnte. Aber eben, heute ist das noch Zukunftsmusik.

Nicht überall wird nämlich dieses Kulturgut der Schweiz so stark gepflegt und der Allgemeinheit erhalten wie im Tessin von Forti. Andernorts sind schon Anlagen an Privat verkauft oder vermietet worden. In einigen lagert tonnenweise Gold, in einem anderen bunkert beispielsweise hochsensibles Datenmaterial, für dessen sichere Aufbewahrung eine Privatfirma einsteht. Und es gibt Orte, wo Bunker, welche im Kriegsrecht auf Boden von Gemeinden oder Ortsbürgergemeinden erstellt worden sind, heutzutage einfach abgebrochen werden.

Die Lona-Linie Die Sperre, welche die Verbindung durch die Riviera für Eindringlinge hindernisreich machen sollte, unterteilte sich in eine erste Verteidigungslinie zwischen Lodrino und Osogna. Insgesamt waren es 23 Artillerie- und Infanteriebunker im Fels oder in Eisenbeton, unterstützt von den Toblerone-förmigen Betonpanzersperren.

Die zweite Verteidigungslinie überzog Biasca bis Iragna.

Insgesamt war die Lona-Linie mit 62 Festungswaffen bestückt. Darunter 12cm-Geschütze, 7,5cm-Geschütze, Maschinengewehrstände, Panzerabwehrkanonen sowie mobile Artillerie. Bisher sind die mit der Armeereform 95 deklassierten Festungsanlagen, ausser dem Forte Mondascia, welches der Sitz des Vereins Forti ist und das Festungsmuseum beherbergt, nur von aussen begehbar und für gewöhnliche Sterbliche nicht geöffnet. Dies dürfte sich nun mit dem neuen Eigentümer ändern. Zuerst müssen die Anlagen und die Zugänge unterhalten werden.

Interesse wächst Wie es aussieht, will die Gemeinde Lodrino die Anlage auf ihrem Gebiet selber wieder aufwerten. Mit solchen Gemeinden bietet sich laut Grossi dann ein fruchtbare Zusammenarbeit an. Das Fortino S. Pietà beim Kirchlein am Fels wiederum wird eventuell vom dortigen Patriziat wieder in Schuss gebracht. Allerorten scheint das Interesse am Erhalt dieses Kulturguts des Befestigungsingenieurswesen zu wachsen, was durchaus auch einer Art von Themen- und Nischentourismus entgegenkommt.

Osvaldo Grossi, der Präsident des Vereins Forti, welcher im Tessin den Erhalt von militärischen Anlagen aufs Revers geschrieben hat, zeigt sich jedenfalls begeistert vom Zuwachs. So richtig ins Strahlen kommt er, wenn er Fotos von getarnten Bunkereingängen zeigt. “Die Tarnung, das sind zum Teil wahre Kunstwerke, finden Sie nicht auch?”