Dass es bei der Evaluation der geeignetsten Fallschirmaufklärer-Kandidaten zu einem fairen Bewerbungsverfahren kommt, dafür sorgen SPHAIR und Sprunglehrer des Aeroclubs Schweiz

DER SPRUNG IN DIE REKRUTENSCHULE

von Rolf Amgarten
Ein volles Flugzeug mit Anwärtern fürs Sprungbrevet und den Einstieg zur Fallschirm-Aufklärer-Rekrutenschule
Fast am Ziel: Kandidat Tobias landet etwas vor dem Sandkreis

Nein, hier gibt es keine getarnten Einhörner zu entdecken. Dennoch, aus einer Bewerbung von bis zu 250 jungen Dienstwilligen lesen die Verantwortlichen letztlich etwa 12 pro Jahrgang aus. Also sind sie fast so selten. Und wenn sie einmal ausgebildet sind, was zwischen 43 und 59 Rekrutenschulwochen dauern kann, sollten sie sich genauso gut in Wäldern verstecken können wie Einhörner. Die Rede ist von Anwärtern für die Fallschirmaufklärer-Ausbildung bei der Schweizer Luftwaffe. Verschiedene Eignungstests führen auf dem langen Weg dahin. SPHAIR, die Plattform der Schweizer Luftwaffe, ist die Firma, welche diese Ausmarchung durchführt. Stabsadjutant Thomas Rappo ist in deren Geschäftsleitung für das operative Geschäft Para zuständig, ist Ausbildner für Fallschirmaufklärer.

Das Dutzend junger Männer zwischen 18 und 22 Jahren, die für zwei Wochen in der Nähe des Flugplatzes Locarno-Magadino einquartiert werden, gehören noch nicht zur Kompanie 17. Aber alle möchten es werden: Elitesoldat mit Aufklärungsauftrag im Interessengebiet der Armee. Nein, für Berufsunteroffizier Rappo werden hier keine James Bond ausgebildet, auch wenn sie vom Sky fallen. „Ich wehre mich dagegen, wenn es jeweils heisst, wir würden hier Superspione ausbilden.“ Währenddem ein junger Mann im supponierten “Gstältli” eines Reservefallschirms beim Paracentro am Eisengestell hängt und die aufeinander folgenden Schritte laut ausruft, wird er von Mitbewerbern des SPHAIR-Kurses genau beobachtet. Begleitet werden sie von einem Sprunglehrer des Paracentro. Inzwischen hat die andere Gruppe die Ausrüstung sorgfältig vorbereitet und zieht Richtung Flugzeug, einer zivilen Pilatusporter. Die Probanden, aber auch die Ausbilder haben Glück. Entgegen der pessimistischen Wetterprognose für diesen Tag, können mehrere Flüge und Absprünge eingeplant werden. Es hat aufgeklart, gleichzeitig zeigt sich der Nordföhn milde gestimmt. Dicht gedrängt hocken die jungen Männer im Flugzeug, dass sie vorerst auf rund 1500 Meter Höhe bringen wird. Dort werden die Teilnehmer des ersten Kurses mit Reissleine in den Himmel geschickt. Danach steigt das Propellerflugzeug auf knapp 4000 m ü. M. Dort springen die Teilnehmer des Kurses 2 im Freifall. Ihr Ziel ist ein Rasenquadrat auf dem Flugplatzareal, in dem ein Sandkreis den innersten Teil markiert. Wer dort landet, hat sowohl die Distanzen als auch die Windverhältnisse schon recht gut einberechnet. Bei diesem Versuch schafft es keiner der Kandidaten. „Nein, ich bin überhaupt nicht zufrieden“, meint der junge Mann aus dem Thurgau. Ob es denn kalt war, dort oben? Er gibt mir seine Hand. Sie ist noch ganz durchfroren. Viel hoffen, viel aushalten müssen sie, bis sie endlich eine militärische Ausbildung beginnen können, in der sie wiederum viel aushalten müssen. Rund 120 Männer umfasst die Kompanie 17. Und dies ist wörtlich zu nehmen. „Ja, es gab schon zwei Frauen, welche den Lehrgang bis in die ersten fünf Wochen der Grundausbildung mitgemacht haben. Danach haben sie aufgehört“, erklärt Stabsadjutant Rappo. Es ist ein körperlich, mental und fachspezifisch sehr stark fordernder Einsatz. Fast widersprüchlich scheint der Anspruch zu sein: Absolut teamfähig bei gleichzeitigem Talent als Solitär muss dieser Soldat sein. Genau, akribisch Arbeiten muss er können und gleichzeitig ideenreich und fantasiebegabt sein. Keine Angst haben und dennoch vorsichtig und vorausschauend vorgehen können. Schliesslich arbeitet er hinter feindlichen Linien, ist dort auf sich allein gestellt. Verliert er oder versteckt er seine Ausrüstung, muss er sich mit dem behelfen können, was er vorfindet. Nicht Supersportler sind angesprochen und schon gar keine Rambos, erklärt Rappo. In fünf Etappen wird abgeklärt, ob jemand für die Rekrutenschule in Frage kommt. Der Online-Anmeldung ab 16 Jahren folgt die Eignungsprüfung in Dübendorf, dann der erste und danach der zweite SPHAIR-Fallschirmkurs von je zwei Wochen im Paracentro von Magadino unter der Schulung des Aeroclubs, welcher sich als der geeignete Partner in dieser öffentlich-privaten Partnerschaft ausgewiesen hat. Danach kommt noch die letzte medizinisch-psychologische Eignungsabklärung und erst danach die eigentliche Ausbildung im militärischen Springen, für Survival und Kampf, am Funk und in weiteren Spezialausbildungen, die in der Luftwaffenbasis beim Flugplatz Magadino vorgenommen werden. Davor muss der Fallschirmaufklärer-Rekrut die ersten fünf Wochen soldatische Grundausbildung in der Kaserne in Isone überstehen.

Ziel der Sprungkurse ist es, auf der Ausbildnerseite genügend rationale Aussagen über die potentiellen Kandidaten machen zu können. Dabei assistieren sich zivile und militärische Ausbildner und Beobachter. Für die Kandidaten ist es die wohl günstigste Variante, um das Schweizer Fallschirmspringerbrevet zu erwerben. Tobias aus dem Thurgau, Aron, Kevin und Raffi aus Zürich sowie Dario, Michael und Fabien aus Bern stehen kurz davor, dieses Fähigkeitszeugnis zu erlangen. Fragt man die zwischen 18 und 22 Jahre jungen Männer, wie der Absprung war, meinen sie übereinstimmend, dass es schon viel Überwindung brauche, in die Luft hinein zu springen. Das Gefühl vergehe auch nach fünf Sprüngen noch nicht. Ein Dutzend oder mehr Sprünge brauche es da schon. Nun, jene, die aufgenommen werden, können sich über Mangel an Sprüngen nicht beklagen. Sie werden als Unteroffiziere oder Offiziere jedes Jahr mindestens 40 Sprünge machen und nebst dem dreiwöchigen Wiederholungskurs einen einwöchigen technischen absolvieren. Nach 43 Wochen RS wird man Wachtmeister, nach 59 Wochen Offizier. Soldaten im Sinne des Wortes gibt es in dieser Einheit nicht. Fragt man, wie denn die Anwärter auf die Idee gekommen sind, diese harte Qualifikation auf sich zu nehmen, um „Spion“ oder besser militärischer Aufklärer zu werden, sind es mit wenigen Ausnahmen direkte Beziehungen. Einmal der Vater, dann Freunde, ein Sporttrainer, Kollegen, welche es nicht geschafft haben. Einige von ihnen sind übers Internet darauf gestossen. Auf www.sphair.ch können die ersten Einblicke gewonnen werden. Übrigens auch zur anderen Abklärung bei SPHAIR: die zum zivilen Piloten oder zum Angehörigen der Luftwaffe.