Im landläufigen Weihnachtstrubel gehen ethische, spirituelle und gesundheitliche Aspekte oft unter

FÜRSTLICHES FEST FÜRS CHRISTKIND

von Bettina Secchi
Über die Festtage wird mehr Fleisch konsumiert

Wir kennen sie alle, die Weihnachtsgeschichte. Die schwangere Maria und ihr Ehemann Josef, die vor gut 2000 Jahren an jeder Tür Bethlehems abgewiesen wurden und schliesslich in einem zugigen Stall Zuflucht fanden. Dort wird ihr Kind geboren. Im Stroh, zwischen Esel und Ochse. Es ist Jesus, der Christus. Heiland und Erretter der Christenheit. Derjenige, der später Liebe, Demut und Bescheidenheit predigt. An Weihnachten entsinnen sich die Christen seiner Ankunft auf Erden. Gedenken seiner Frohen Botschaft und feiern sie. Selten in einem ungemütlichen Stall. Selten demütig und bescheiden. Im Gegenteil. Rauschhaft wird gekauft, geschenkt und gegessen. Plätzchen, Pralinen, Gänseleber, Lachs und Fleisch. Viel Fleisch. „Um wie viel genau die Umsatzzahlen bei den Fleischprodukten über die Festtage steigen, ist schwer zu sagen“, verrät Luca Corti, Sprecher von Coop Ticino. Unumstritten sei aber, dass über Weihnachten mehr Fleisch konsumiert werde. Dies bestätigt auch Francesca Sala, Kommunikationschefin bei Migros Ticino. Gefragt sei vor allem qualitativ hochstehende Ware wie Filet, Entrecôte, Rindshuft, Fondue Chinoise oder Bourgignonne. Aber auch Truthahn, Fisch, Sushi, Aufschnitt und Kalbspastete sind äusserst beliebt. Weniger begehrt als in anderen Landesteilen sind Rollschinken, Schweinsfilet und Lammfleisch. „Unsere Kunden kaufen vorzugsweise zertifiziertes Fleisch“, weiss Corti. Bio hin oder her – ist Massentierschlächterei mit christlicher Ethik überhaupt vereinbar? „Ich bin grundsätzlich nicht gegen den Fleischkonsum“, gesteht Fra Martino Dotta, Franziskanermönch und Co-Leiter der Initiative „Tavolino magico“. Obwohl in der Heiligen Schrift stehe, dass Blut Leben sei und nur Gott über Leben und Tod entscheiden dürfe, verbiete sie den Fleischverzehr nicht ausdrücklich. Was Fra Martino vielmehr anprangert, ist die allgemein herrschende Masslosigkeit. Die Geschichte rund um die Geburt Jesu sei dramatisch. Sie erzähle von Duldsamkeit und Genügsamkeit. Das komplette Gegenteil zu den heute gängigen weihnachtlichen Exzessen. Nicht unerheblich sei bei einem übertriebenen Fleischkonsum zudem die ökologische Komponente, unterstreicht er. Gemäss der Schweizerischen Vereinigung für Vegetarismus werden zur Gewinnung von einem Kilo Fleisch 7 bis 16 Kilo Getreide oder Soja- Ti-Press

bohnen und bis zu 15'500 Liter Wasser benötigt. Fra Martino selbst feiert das Christfest in bescheidenem Rahmen. Unter anderem zusammen mit den freiwilligen Helfern vom „Tavolino magico“ und den Bezügern der dort angebotenen Lebensmittel. „An Weihnachten zählt in erster Linie das Beisammensein.“ Natürlich werde auch gemeinsam gegessen. „Aber Languste und Kaviar stehen ganz sicher nicht auf dem Menüplan“, lacht er. Meistens werde Pasta mit Sugo serviert. Mit einer Fleischsosse. Oder dann Ragout. Jedenfalls nichts Ausgefallenes. Ein wenig Fleisch aber schon. Doch. Das ganze Jahr über verteile der „Tavolino magico“ geringe Mengen an tierischen Produkten, „da ist ein bisschen Fleisch an Weihnachten gerechtfertigt“, findet der Mönch aus Bellinzona. Gegen ein bisschen Fleisch hat auch Dr. med. Nicola Ossolo vom Regionalspital Mendrisio nichts einzuwenden. Der Internist und Spezialist für klinische Ernährung warnt aber vor einem Übermass an tierischen Proteinen und Fetten. „Und an Zucker“, betont er. Zu üppiges Essen und zu wenig körperliche Bewegung könnten unter anderem zu Übergewicht, Diabetes, Herzerkrankungen und Tumoren führen. Weniger ist mehr. Ein geflügeltes Weihnachtswort, das ganzjährig gelten sollte.