Die Schauspielerin Margherita Schoch wurde 1979 zur Tessiner Alpbäuerin, versuchte sich als Psychiatriepflegerin, fand ihre Berufung in der Sterbehilfe und steht nun wieder auf der Bühne

NACH 20 JAHREN AUSSTIEG WAGTE SIE EIN COMEBACK

von Martina Kobiela

Margherita Schoch ist 74 Jahre alt. Wenn sie von ihrem Leben erzählt, wirkt es manchmal, als habe die in Rom geborene Schweizerin zwei Leben gelebt und nicht nur eines. Die schlanke, attraktive Frau mit den langen, gepflegten, weiss-grauen Haaren sitzt an einem hölzernen Esstisch in ihrem Wohnhaus in Arogno, im Schatten des Monte Generoso, und erzählt wie aus einer jungen Theater- und Fernsehdarstellerin im deutschsprachigen Raum zuerst eine Alpbäuerin, dann eine Psychiatriepflegerin und Sterbebegleiterin im Tessin und schliesslich wieder eine Schauspielerin wurde. Ihre Leidenschaft für das Theater entdeckte sie mit 16 Jahren an der Mittelschule in Lugano, als ihr Lehrer Luciano Marconi ein Theaterstück mit seiner Klasse aufführte. Nur ein Jahr später zog die 17-jährige Margherita Schoch aus ihrem Elternhaus im Quartier Molino Nuovo nach Zürich, in ein kleines Zimmer oberhalb eines Pelzgeschäfts im Niederdorf mit Blick auf die Limmat. Zürich war für das junge Mädchen kein neues Pflaster, denn sie war in der Umgebung der Schweizer Grossstadt, unter anderem in Thalwil, Oerlikon und Altstetten, aufgewachsen. Margherita Schoch erinnert sich an viele Einzelheiten aus ihrer Vergangenheit. Als das einzige Kind einer deutschen Mutter und eines Schweizer Vaters, der in Italien geboren und aufgewachsen ist, erzählt, wie es mit 17 Jahren aus dem Elternhaus ausgezogen ist, um es in Zürich aus eigener Kraft zur Schauspielerin zu bringen, ist es, als sei das erst vor kurzer Zeit geschehen und nicht in den 1950ern. Margherita Schoch lässt die Vergangenheit wieder lebendig werden und erklärt, was das junge Mädchen mit dem Traum von einer Karriere im Rampenlicht mit der Frau von heute verbindet: „Sicher, heute bin ich eine andere Person als damals. Aber gewisse Dinge habe ich immer noch.“ Eine Eigenschaft, die sie ihr ganzes Leben hindurch bestimmt hat, ist der starke Wunsch nach Unabhängigkeit. So verweigerte die aspirierende Darstellerin Hilfe von ihren Eltern: „Ich wollte unabhängig sein.“ Überhaupt war sie ausgezogen, um frei von den strengen Regeln ihres Elternhauses zu sein, erzählt die 74-Jährige heute, während sie eine ihrer drei Katzen vom Esszimmertisch scheucht: „Ich habe meinen Vater damals als ungerecht empfunden. Ich musste viel früher als die anderen Zuhause sein, meist gegen 19 oder 20 Uhr.“ Doch für ihre neu gewonnene Unabhängigkeit musste sie leiden, wie sie lachend erzählt: „Als ich in der Mansarde über dem Pelzgeschäft wohnte, nagte ich praktisch am Hungertuch.“ Eines Tages ass sie einen Pouletschenkel von einem Hähnchen, das eigentlich den Katzen der Vermieter zugedacht war. Margherita Schoch sucht weiter nach Unabhängigkeit. Auch von alltäglicher Routine. „Ich finde Trott fürchterlich. Man bleibt im Leben stehen, wenn man sich nicht öffnet. Ich bin dankbar dafür, dass ich das kann.“ Doch selbst, wenn sie heute noch vieles mit der jungen Schauspielerin, die ihr Glück in Zürich suchte, verbinde, sei sie inzwischen gewachsen. “Heute empfinde ich Dankbarkeit dafür, dass ich die Möglichkeit habe, meiner Leidenschaft auf der Bühne nachzugehen. Sie betont: „Ich will mich nicht von meiner Vergangenheit definieren lassen. Aber ich stehe dazu. Ich habe viel gelernt.“ Dank eines Stipendiums kann Margherita Schoch ihre Ausbildung an der Schauspielschule “Bühnenstudio” im Schauspielhaus Zürich im Jahr 1962 abschliessen. Es folgen Jahre der Schauspielerei auf verschiedenen deutschsprachigen Bühnen. In Kassel lernt sie 1968 schliesslich den irischen Sänger John kennen und lieben: „Ich habe mich in einen Heldentenor verliebt, der zum Beispiel Othello auf der Bühne

verkörperte.“ Das Paar bekam ein Kind: Kathleen. Anfangs lebten sie gemeinsam in einer Kommune, wie Margherita Schoch ein wenig stolz erzählt: „Die 68er habe ich voll mitbekommen.“ Doch sie betont: „Harte Drogen habe ich jedoch nie genommen.“ Der grosse Umbruch in ihrem zwar abwechslungsreichen aber doch zielgerichteten Leben kommt, als ihre Tochter Kathleen etwa neun oder zehn Jahre alt ist. Ein Kunstfehler bei einer Stimmbandoperation nimmt dem Heldentenor John seine Stimme und stürzt die Familie in eine Krise. Die junge Familie beschliesst, dass sie eine Auszeit braucht, um wieder zueinander zu finden. Die kleine Künstlerfamilie kehrt dem Theater und der Oper den Rükken und steigt auf 1008 Meter über den Meeresspiegel, um auf der Alpe Arla im Muggiotal, ohne fliessendes Wasser und Elektrizität, Schafe und später Ziegen, Kühe, Schweine und Hühner zu halten. Keine einfache Zeit für die Künstlerfamilie. „Ich habe mich mit Wehmut zum Ausstieg entschieden. Das Theater bedeutete mir viel. Auch für Kathleen, meine Tochter, war es nicht leicht. Denn mit kaum zehn Jahren musste sie Italienisch lernen – leider habe ich nie mit ihr in meiner zweiten Muttersprache gesprochen.“ Ausserdem musste das kleine Mädchen von der Alpe Arla etwa eine Stunde lang bis hinunter ins Dorf Cabbio laufen, um von dort den Kleinbus zur Schule in Lattecaldo zu nehmen. Doch der abrupte Lebenswandel rettet die Familie nicht. Im Winter 1980/81 verlässt John Frau und Kind. Margherita Schoch zieht mit dem Vieh hinunter ins Tal und beginnt ihren Lebensunterhalt mit verschiedenen Jobs, unter anderem als Kellnerin und als Deutsch-Konversationslehrerin, zu bestreiten. Trotz allem, sagt sie heute, wolle sie diese harte Erfahrung nicht missen. Auch weil sie realisiert habe, wie abhängig sie von der Schauspielerei gewesen sei. Auf der Alp musste sie lernen, ohne die Rollen und die Anerkennung des Publikums zu leben und sich der Familienproblematik zu stellen. “Dort oben gab es gar nichts, keine Fluchtwege. Wir mussten miteinander klarkommen.” Sehr wichtig sei auch der Austausch mit der Natur gewesen, aber vor allem habe sie in den rauhen Bergen faszinierende Persönlichkeiten kennengelernt. “Mich interessieren Menschen. Diese archaische Lebensweise kannte ich nicht. Solche Bauern gibt es heutzutage kaum noch.” Auch heute ist Margherita Schoch die Natur wichtig. Das beweist ihr Garten, in dem zum Beispiel Brennnesseln wachsen aus denen sie Gnocchi herstellt. Eine gute Hausfrau sei sie trotzdem nicht, erzählt sie. Obwohl sie neben ihrer künstlerischen Seite auch eine mütterliche habe, musste ihre Tochter sehr früh lernen, selbstständig zu sein. Während ihrer Ausbildung zur Psychiatriepflegerin an der kantonalen Klinik in Mendrisio, arbeitete Margherita Schoch ein paar Nächte in der Woche in einem Altersheim, um genug Geld für sich und ihre Tochter Kathleen zu verdienen. Später spezialisierte sie sich jedoch auf die Pflege von Todkranken, und betreute meist Patienten mit Krebs im Endstadium. 20 Jahre lang hatte sie dem Rampenlicht den Rücken gekehrt. Die soziale Arbeit habe sie glücklich gemacht, sie habe dort Anerkennung erfahren. Doch das sei gefährlich, man dürfe keinen Dank von den Patienten und ihren Familien erwarten, es sei eine Arbeit, die man für andere mache. Die Schauspielkunst hingegen betreibe sie für sich selbst. Mit 64 Jahren kehrte sie wieder zu ihrer ersten Leidenschaft, der Schauspielerei, zurück. Ein Schritt mit dem ihr jetziger Ehemann, Sandro, der sie als Pflegerin kennengelernte, zu kämpfen hatte. “Er hatte gehofft, dass ich mit der Pensionierung mehr Zeit Zuhause verbringen würde”, erzählt sie schmunzelnd. Mittlerweile habe Sandro gelernt, die künstlerische Seite seiner Ehefrau zu akzeptieren.