Zum Internationalen Frauentag von morgen Samstag porträtiert die “Tessiner Zeitung” sechs Frauen aus dem Südkanton, die sich in männerdominierten Bereichen bewähren

“WIR SPIELEN MIT EINER ANDEREN MENTALITÄT”

von Marianne Baltisberger
Olympia-Bronzemedaillengewinnerin Nicole Bullo nach dem Empfang im Luganeser Stadthaus

Nach 17 Uhr gebe sie gerne ein Interview, lässt Nicole Bullo die TZ-Redaktion wissen. Die 26-Jährige aus Claro steckt wieder mitten im Berufsalltag. Die Bronzemedaille, die sie mit dem Frauen EishockeyNationalteam bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi gewonnen hat, ist Erinnerung. Gleich nach der Rückkehr aus Russland habe sie wieder zu arbeiten begonnen, sagt sie. Deshalb wisse sie auch nicht genau, wie die Sportfans in ihrer Heimat auf den Erfolg reagiert hatten. Beruflich sei sie viel unterwegs. “Für Olympia habe ich drei Wochen Ferien genommen.” Seit ihrem sechsten Lebensjahr spielt Nicole Bullo Eishockey. “Zuerst mit den Jungs in Biasca”, erzählt sie. “Wir Mädchen hatten damals keine andere Wahl.” Heute ist sie Stürmerin im Ladies Team des HC Lugano. In der Freizeit wohlverstanden, denn im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen, müssen die Frauen im Schweizer Eishockey ihren Lebensunterhalt ausserhalb der Eisfläche verdienen.

Bei den Frauen gebe es keine Profis, erklärt Nicole Bullo. Die Philosophie auf dem Eis sei aber die gleiche wie bei den Männern: “Gewinnen!” Unterschiede sieht sie jedoch bei der Mentalität, mit der die Frauen ans Werk gingen. “Die Motivation ist höher.” Gerade weil sie keine professionellen Spielerin seien. Eishockey sei eine Passion. “In unserem Alltag gelten dagegen andere Prioritäten.” Sie ärgere sich, dass ihre Mutter seit Olympia im Dorf oft gefragt werde, ob ihre Tochter nun das grosse Geld verdiene, erzählt Nicole Bullo weiter. Sie habe immer alles selber bezahlt, auch die Spesen.

Der Gewinn der Olympia-Medaille sei ein erster Schritt in eine hoffentlich bessere Zukunft. “Ein kleiner Schritt”, präzisiert sie. Auch die Nordamerikanerinnen oder Russinnen, die sich zwar professionell auf Grossanlässe wie Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften vorbereiteten, hätten in den Zwischenjahren einen finanziell schweren Stand.

“Ich hoffe, dass die jüngeren Spielerinnen von unserem aktuellen Erfolg profitieren.” Mit 26 Jahren gehöre sie zum alten Eisen, meint Nicole Bullo lachend. Für ihre Nachfolgerinnen wünsche sie sich ein bisschen mehr Anerkennung. “Damit sie zumindest die Spesen nicht mehr aus dem eigenen Sack berappen müssen.”