Die Sammlung Kurt und Barbara Alten und eine besondere Beziehung zwischen Ascona und Worpswede

QUANTENSPRÜNGE ZWISCHEN MODERNER LANDSCHAFTSMALEREI UND EXPRESSIONISMUS

von Uwe Ramlow

Das Castello Materno, frisch saniert und restauriert, nimmt wieder seinen Platz in der Kulturgeschichte von Ascona ein. Ein doppelter Glücksfall: Die Stiftung Kurt und Barbara Alten wird in Zukunft die neu gestalteten Ausstellungsräume mit einer Sammlung beleben, die einen Ausschnitt aus den künstlerischen Quantensprüngen zwischen moderner Landschaftsmalerei und Expressionismus präsentiert. Damit erweitert sich auch der Blick auf einen Teil der europäischen Moderne mit ihrer Kunst, die Ascona einst den Ruf eines “Weltdorfes” bescherte. Mit elf Bildern der Sammlung aus Worpswede, darunter auch Werke Paula Modersohn-Bekkers und Otto Modersohns, rükken auch die besonderen Beziehungen zwischen Ascona und der Künstlergemeinschaft am Rande Bremens, die in diesem Jahr ihr 125-jähriges Jubiläum feiert, wieder näher in den Blickpunkt.

Die heute gedachte Brücke zwischen beiden Orten ist vor allem das Verdienst Carl Weidemeyers, ein Worpsweder der zweiten Generation, der mit dem Teatro Materno in Ascona Geschichte schreibt. Er führt hier die Architektur der Moderne ein und verhilft Charlotte Bara zu einer festen Spielstätte ihres Ausdruckstanzes. Nicht zu vergessen auch der Mitbegründer der Worpsweder Künstlergemeinschaft Heinrich Vogeler, den es zum Ende der 1920er-Jahre für kurze Zeit nach Fontana Martina bei Ronco zieht.

Ein Blick zurück in das Jahr 1889: Ein paar junge Studenten der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie, darunter Fritz Makkensen, Otto Modersohn und Heinrich Vogeler, kehren dem akademischen Kunstbetrieb wie auch dem “höllischen Getriebe und den Übelständen der Städte” (Henry Oedenkoven) den Rücken zu und entdecken mit Worpswede “ihren” Ort. Sechs Jahre später feiern sie mit einem Sensationserfolg in München ihren Durchbruch in der Kunst. Das Publikum begeistert sich für ihre Bilder, denn sie sehen eine, von den Leitbildern der Kunst, weitgehend ignorierte Landschaft zwischen Feuchtwiesen und Moor, herb und spröde, geprägt durch die Mühsal der Arbeit der Torfbauern, aber doch ästhetisch idealisiert und veredelt.

Auch die junge Paula Modersohn-Becker betritt in dieser Zeit die Ateliers ihrer verehrten Künstler in Worpswede. In atemberaubendem Tempo und mit eigenwilliger künstlerischer Handschrift wird sie innerhalb weniger Jahre die engen, selbst gesetzten Grenzen ihrer Vorbilder und die ästhetischen Konventionen der eigenen Zeit überschreiten. Während ihrer Aufenthalte in Paris wird sie sich in den Galerien der Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts inspirieren lassen. Paula ModersohnBeckers Bilder, seinerzeit kaum beachtet, gehören heute zu den international geachteten Ikonen des Frühexpressionismus.

Kurz nach ihrem spektakulären Erfolg zerfällt der Zusammenhalt der Worpsweder Künstlergruppe. Der junge Heinrich Vogeler, Liebling der Jugendstil beseelten Bremer Kaufleute, schlägt fortan ein neues Kapitel Worpsweder Geschichte auf. Sein “Barkenhoff”, ein altes, marodes Bauernhaus, gestaltet er ab 1895 zu einer Insel des Schönen, zu der sich wenig später auch der charismatische Dichter und Schriftsteller Rainer Maria Rilke gesellt. Dieser schreibt wenige Jahre später die erste Monografie zu den Worpswedern.

Auch der heimeligen und weltabgewandten Salonkultur des “Barkenhoff” ist keine lange Zukunft beschert. 1905 ist das “Wunderland, das Götterland”, das Paula Modersohn-Becker einst huldvoll feierte, Geschichte. Gleichwohl beginnt damit jener Mythos, der den Ort bis heute wirkungsmächtig zum Künstlerdorf stilisiert. Paula Modersohn-Becker stirbt viel zu früh im Jahr 1907 und Otto Modersohn zieht sich in das kleine Dorf Fischerhude zurück. Heinrich Vogeler verwandelt sich vom romantischen Kunstästheten zum radikalen Sozialreformer und während des Ersten Weltkriegs zum entschiedenen Kriegsgegner. Sein “Barkenhoff” wird auch zum Zufluchtsort von Kriegsflüchtlingen wie für die Familie Bachrach, die aus Brüssel vertrieben wird und hier vorübergehend Asyl findet. Deren junge Tochter Charlotte Bara präsentiert ihre Begabung in jenen Tagen als noch unbekannte Ausdruckstänzerin auf dem Dielenboden des Hauses. Vogeler, fasziniert von ihrer eindringlichen Gestik und Dramaturgie, malt sie im Geist des Expressionismus. Zwei Ölbilder haben sich aus dieser Zeit erhalten und hängen im Museum der “Stiftung Barkenhoff” in Worpswede. Charlotte Bara wird sich die Expressivität jenes Zeitgeistes zu eigen machen und damit später in Ascona ihr Publikum finden. Nach 1919 bezieht die Familie Bachrach ihr neues Domizil des alten Castello Materno am Rande Asconas. Carl Weidemeyer, den die Familie bereits in Worpswede kennenlernt, lässt sich in Ascona nieder und entwirft 1927, trotz aller Widerstände, das Teatro Materno.

Heinrich Vogeler erfindet sich in jenen Jahren, jenseits der Bodenständigkeit seiner einstigen Worpsweder Mitgefährten, künstlerisch wie biografisch immer wieder neu. Nach dem Ersten Weltkrieg zerstört er die selbst geschaffene Idylle seiner Gartenkunst und gründet auf dem “Barkenhoff” eine Landkommune mit Anspruch auf Selbstversorgung, ähnlich den Visionen des Monte Verità. Nach deren Scheitern überschreibt der nun zum Kommunismus konvertierte Künstler sein Anwesen als Kindergarten der “Roten Hilfe”, deren Projekt nach kurzer Zeit ebenso Schiffbruch erleidet.

Ende der zwanziger Jahre erhört Vogeler den Ruf seines Schweizer Freundes Fritz Jordi und begibt sich für einige Zeit nach Fontana Martina, um sich hier den Traum von einer neuen Gemeinschaft zu erfüllen. Mit 56 Jahren schleppt er schwere Baumaterialien und Eisenrohre von Porto Ronco den steilen Hang hinauf, um die kleine verlassene Siedlung wieder zum Leben zu erwecken. Es wird nun noch einmal ein kurzes Wiedersehen mit der Familie Bachrach und Carl Weidemeyer in Ascona geben. Die kurze Begegnung mit den alten Freunden in Ascona bleibt ein flüchtiges Intermezzo wie auch sein Aufenthalt in der Nachbarschaft von Ronco sopra Ascona 1931 sein endgültiges Ende findet. Vogeler zieht es, auch durch die Last erdrückender Existenzsorgen, nachfolgend mit seiner Frau Sonja Marchlewska in die Sowjetunion, dem Traum von einer besseren Welt entgegen. Nach seiner Evakuierung aus dem belagerten Moskau, abgeschnitten von der Versorgung der eigenen Familie und den Freunden, verarmt und schwer erkrankt, stirbt er 1942 in der kasachischen Provinz.

Worpswede und Ascona: Zwei Orte wie vorüberziehende Refugien einer suchenden Moderne ihrer Zeit, sind heute mit bisweilen mythischen Bildern wie nebulösen Erinnerungen aufgeladen. Die Sammlung Kurt und Barbara Alten in Ascona bietet hier auch neue Chancen, die Biographien und Beziehungsgeflechte zwischen beiden Orten und der Kunst der Moderne neu zu entdecken.

Uwe Ramlow ist Kulturwissenschaftler und Autor. Besitzernachweis des abgebildeten Werkes: Heinrich Vogeler, "Die Leiden der Frau im Kriege", 1918, Bundesrepublik Deutschland, Land Niedersachsen, Kulturstiftung Landkreis Osterholz, © Barkenhoff-Stiftung Worpswede