Wenn der Befreier zum Besatzer wird erheben sich die alten Freunde. Das gilt nicht nur heute, das galt auch 1755 für die Menschen der Leventina

AUFSTÄNDE ALLERORTEN IM KEIME ERSTICKEN

von Rolf Amgarten
Im Jahr 1755 wurde der Dorfplatz von Faido Zeuge einer wenig demokratischen Vergeltungsaktion der Urner
Im 21. Jh. wird Faidos Dorfplatz wieder bevölkert: Demo für die öffentliche Schule unter den wachsamen Augen von Stefano Franscini

Der heisse Sommer von 1755. Unter dem System der Helvetik herrschen in der Schweiz Damen und Herren der guten Gesellschaft. Die Mächtigen, die Reichen, die Skrupellosen. In wohlhabenden Republiken herrschen die Patrizierfamilien, in Handelsstädten die Zünftler und in kleinen Landkantonen trotz formeller Landsgemeinde-Demokratie die alteingesessenen Familien. In Uri teilten sich im 18. Jahrhundert 19 Familien die wichtigsten Ämter. Der Aufstand der Leventiner vom Jahr 1755 gegen die Urner Herrschaft war nur einer von mehreren gegen die Unterdrückung. Längst ist die heldenhafte Partnerschaft zwischen Einheimischen und Urner Eidgenossen von Sassi Grossi von 1478, der Befreiungsschlacht bei Giornico, vergessen. Verdrängt das Gelübde der Talbewohner von Blenio und Leventina in Torre von 1182, keine fremden Tyrannen mehr zu dulden. Schon 1290 flammte deshalb in der Leventina das Feuer der Freiheit auf. Im 14. Jahrhundert trauten die Livinier (alter Name für Leventiner) den Eidgenossen dermassen, dass sie sie um Hilfe zur Befreiung von den Mailändern riefen. Aus den lokkeren Beziehungen infolge der Gotthardaufwertung entsteht ein Band. Über 300 Jahre lang – von 1480 bis 1798 – war die Leventina eine Vogtei des Landes Uri. Uri, mit einer bloss gering höheren Bevölkerungszahl als die ennetbirgische Vogtei.

Doch mit der Zeit wandelt sich der Befreier in den Besatzer. Wie so oft im Weltgeschehen. Da bilden auch die guten Innerschweizer keine Ausnahme. Galt vorerst eine gewisse Verwaltungsund Wehrfreiheit der Leventiner, zogen die Urner die Schraube immer mehr an. Im 17. Jahrhundert war es dann soweit: die Leventina wurde zum Untertan der Urner. Bereits 1676 kam es zum ersten Aufstand der Talschaft gegen den Landvogt Kaspar Planzer. Danach im schicksalhaften Jahr 1755. Jakob Anton Gamma, Landvogt seit 1748 wird von den Liviniern gefangen genommen, kommt aber bald wieder frei. Ein Jahr darauf zügelt der Landvogt ins Blenio- und Maggiatal.

Die Urner holten sich zur Niederschlagung der “Rebellion” Beistand bei den Luzernern und Unterwaldnern und zogen mit 2500 Mann gegen die “Rebellen”. Der Aufstand war schlecht organisiert, kaum wurde Widerstand geleistet, und letztlich brach er zusammen. Die Urner befahlen am 2. Juli alle Männer des Tales auf dem Dorfplatz von Faido zusammen. Die Strafe: den Leventinern wurde das Waffentragen verboten. Sie verloren alle Rechte und mussten mitansehen, wie drei Anführer enthauptet wurden. Einer davon ein kranker Greis. Die Urner wollten die drei eigentlich aufhängen. Miteidgenossen verhinderten diese zu grosse Schmach. Künftig mussten die Unterdrückten Briefe an ihre Herren mit “allerergebenste und treueste Diener und Untertanen” zeichnen.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts kam es immer wieder und an den verschiedensten Orten der Eidgenossenschaft zu Untertanenrevolten, die lokal begrenzt blieben. Die meisten dieser Aufstände waren erfolglos und wurden blutig niedergeschlagen, wie im Emmental gegen Bern, im Entlebuch gegen Luzern, von Wilchingen gegen Schaffhausen, in Werdenberg gegen Glarus, in Lausanne gegen Bern, im Jura gegen Basel und in Chenaux gegen Fribourg. Nur gerade die Aufstände von Toggenburg gegen den Fürstabt von St. Gallen und der in Genf gegen die Aristokraten der Stadt waren erfolgreich. Wie in der Leventina war auch dort der Hauptgrund, dass die “Untertanen” alte Rechte zurückforderten, die ihnen im Laufe der Zeit weggenommen worden waren. Die Obrigkeit stand vor der Alternative, diesen Forderungen nachzugeben oder mit verstärktem Gegendruck zu reagieren. Meist wählten sie den Gegendruck! Angstmache, harte Strafe und Terror. Geköpfte und gedemütigte Menschen, repressive Unterdrückung in einem 18. Jahrhundert, in dem sich die Handelsstadt, die Uhrenindustrie, die Tuch- und Seidenproduktion entwickelten. In einer Zeit, in der ein Universalgelehrter wie Albrecht von Haller ein europaweites Netzwerk der literarischen Aufklärung mit 1200 Korrespondenten in 447 Orten pflegte. In der eine Republik Bern mehr einnahm als sie ausgab und eine Stadt Zürich mit Grundzinsen und Zehnten, also zur Hauptsache auf Abgaben der Bauern angewiesen war. Welchen Stellenwert für eine kleine Herrschaft die Dominanz über den Gotthard hatte zeigt schon Lugano mit 4121 Einwohnern als Drehscheibe des Viehandels von der Zentral- und Ostschweiz sowie Österreich nach Italien. Und wieder kommen die Befreier-Besatzer von aussen: Am 14. März 1798 befreien die französischen und inländischen Revolutionäre die Vogtei Leventina. Ab April ist die Schweiz vogteilos.

Quellen: Geschicht der Schweiz: Kreis, Georg (Hrsg.), Schwabe 2014/ Geschichte der Schweiz und der Schweizer: Comité pour une Nouvelle Histoire de la Suisse (Hrsg.), Schwabe 2006/ Hist. Lexikon d. Schweiz (online), www.giornico.com/ www.geschichte-schweiz.ch/ Themen-Schulblätter des Kantons Uri