Casa Costanza (Casa Solari, das Papageienhaus) in Carona

ANNÄHERUNGSVERSUCH AN EINE ALTE DAME VOLLER GESCHICHTEN, RÄTSEL UND WUNDER

von Annegret Diethem und Attilio D'Andrea, www.adad.ch

Das Künstlerdorf Carona Carona liegt hoch über dem Luganersee am Fuss des San Salvatore. Dass es sich bei diesem kleinen Dorf um einen Ort von künstlerischem Gehalt handelt, wird einem sofort nach dem Durchgang durch das Tor bei der Kirche beim würdevollen Empfang durch die kleine Piazza vor der Kirche San Giorgio und der Loggia der Comune klar. In Carona lebten zahlreiche Maler, Bildhauer, Stukkateure, Architekten und Ingenieure, die in den wichtigen Städten Europas tätig waren; viele von ihnen kehrten jeweils im Winter in ihr Heimatdorf zurück und schmückten seine Kirchen und Wohnhäuser aus. Zu ihnen gehören die in Carona bereits 1191 bezeugten, im 15. und 16. Jahrhundert als Maler, Bildhauer und Architekten berühmten Solari, die in den bedeutendsten Bauhütten des Herzogtums Mailand arbeiteten, die in Rom und in Moskau ihre Zeugnisse hinterlassen haben und die als Maler, Architekten, Bildhauer, Stukkateure und Unternehmer in den wichtigsten Städten Italiens tätigen Casella. Der weitere Weg durch die Gassen führt an manch architektonischem Juwel vorbei zur oberen Piazza, an deren einen Schmalseite sich die Hauptfassade der Casa Costanza erhebt. Die Tradition, ein Künstlerdorf zu sein, hielt ununterbrochen bis in die jüngste Gegenwart an, in der Carona auch zum Refugium von auswärtigen, teilweise von Nazideutschland bedrohten Künstlern wurde.

Casa Costanza, Casa Solari, Papageienhaus Im 1919 begonnenen Gästebuch der Familie Wenger, welche die Casa Costanza seit bald 100 Jahren besitzt, haben sich die Besucher des Hauses mit oft berühmten Namen eingetragen, so Hermann Hesse, der auch nach Auflösung seiner nur drei Jahre dauernden Ehe mit Ruth Wenger (1924-1927), der Tochter von Lisa und Theo Wenger, mit dem Haus freundschaftlich verbunden war, Hugo und Emmy BallHennings, Lisa Tetzner und Kurt Held, Max Frisch und E.Y. Meyer, der 1976 einige Wochen Gast des Hauses war und diesem in seinem Roman “Die Rückfahrt” ein beredtes Denkmal gesetzt hat. Hermann Hesse taufte die Casa Costanza, die auch Casa Solari genannt wird, Papageienhaus, vielleicht eine tiefgründige Anspielung auf das Zusammentreffen der Tierliebe Ruth Wengers, die auch exotische Tiere mit einschloss, und dem Papagei des Trompe-l'Œil auf dem kleinen, repräsentativen Quergiebels gegen die Piazza. Warum das Haus in den Dokumenten des Dorfarchivs als Casa Costanza erscheint, ist eines der Geheimnisse, die bis heute nicht gelüftet wurden, eine Hommage an eine Frau namens Costanza, die Beständige, ein Fingerzeig auf eine Verbindung mit Konstanz? Marco Solari war es, der die Casa Costanza 1917 Lisa Wenger und ihrem Ehemann, dem Mes- Als ich neulich mit zusammen mit einer Freundin von Lisa Wenger, der Urenkelin der Kinderbuchautorin Lisa Wenger (1858-1941; Stichwort: “Da Joggeli wott go Birli schüttle”) und Bearbeiterin des künstlerischen Nachlasses ihrer Tante Meret Oppenheim (1913-1985), durch den Seiteneingang in die Casa Costanza in Carona geführt wurde, erfüllte sich mir der lang gehegter Wunsch, einmal hinter die verspielte und zugleich gestrenge Kulisse des Hauses am anmutigen Dorfplatz von Carona blicken zu dürfen.

serfabrikanten Theo Wenger, nenden, sich bewegenden Papp- verkaufte. Ungewiss ist ob die maschee -Skulptur des 1942 geSolari seit jeher Eigentümerin borenen Berner Künstlers Peter des Hauses war, denn neben von Wattenwyl, begrüsst wordem Wappen der Solari findet den. Zwischen den von Meret sich auch das Wappen der Ca- Oppenheim mit Marmorimitasella im Haus. tion versehenen Pfeilern führt

eine schmale Treppe hinauf Durch den Hofgarten in den zum Herz des Hauses, dem auf Ruinen oder begrüsst von die Piazza ausgerichteten Fest- den thailändische Volkswei- saal.
sen singenden Krokodilen im
Um 1750 wurde die alte Casa Festsaal Solari, die gemäss ÜberliefeDer Nebeneingang von der Sei- rung ein Bauernhaus mit Stältengasse her führt durch einen len, Scheunen und anderen NeDurchgang unter dem ersten benräumen gewesen sein muss, Obergeschoss der Casa Costanza, deren Umriss sich von der schmalen Hauptfassade an der Piazza trapezförmig weit nach hinten verbreitert, in einen Innenhof besonderer Art. In den Fragmenten der Steinmauern der alten Casa Solari, die Lisa und Theo Wenger schon früh aufgrund ihrer Baufälligkeit abgerissen hatten, wurde ein stiller Garten, ein eigentlicher Hortus Conclusus , angelegt. Hätte uns Lisa Wenger durch den Haupteingang von der Piazza her in den kleinen und doch repräsentativen Empfangsraum geführt, so wären wir von den singenden und tanzenden Krokodilen, einer tö- Schon dieser einleitende Satz steckt voller verborgener Geschichten, auch wenn es nur die obersten Schichten der wohl weit über 300-jährigen Geschichte dieses faszinierenden Hauses sind, das sich theatralisch zu präsentieren scheint, es jedoch offensichtlich vorzieht, viele seiner Geheimnisse hinter oder besser in seinen dicken Steinmauern zu bewahren. Der Besucherin der Gegenwart steht kein anderer Weg offen, als sich dieser kapriziösen alten Dame mit offenen Sinnen zu nähern und unseren Leser/innen von ihrem vielschichtigen Wesen zu erzählen.

durch den Aus- und Umbau der Der klare Raum mit seinem oriplatzseitigen Partie zum kleinen ginalen Kalkboden mit eingePalazzo, wobei der palastartige streuten Kieseln und ZiegelCharakter vor allem die gleich- stückchen wird belebt durch sam vorgespiegelten Hauptfas- zarte Trompe-l'Œil -Malereien sade mit den illusionistischen und feine, fast schon rokokoarArchitekturmalereien betrifft, tige Stuckaturen am Unterzug, den zwei Balkonen im Oberge- am Cheminée, am oberen Abschoss und dem bereits erwähn- schluss der Wände und über ten Fresko mit dem Papagei, den Fenstern, unter denen die das von den Fenstern des einst Charakterköpfe, vielleicht Poroffenen obersten Geschosses, träts einstiger Bewohner/innen, dem Solaio , flankiert wird, und auffallen, und einem wohl aus im Innern aus dem die ganze Florenz mitgebrachtem Fries Hausbreite umfassenden Fest- mit Putten auf Delphinen und saal im Piano Nobile besteht. fischschwänzigen Pferden.

Ein lang gehegter Traum 1967/68 erfüllte sich der lang gehegte Traum Meret Oppenheims, das Haus ihrer Grosseltern im Einvernehmen mit ihren Geschwistern Kristine und Burkhard, dem Vater Lisa Wengers, so zu gestalten, wie sie es sich vorstellte. Dabei wurden die historischen Elemente im Kontakt mit der Denkmalpflege restauriert. Nach Plänen von Architekt Aurelio Galfetti entstand hinter dem Saal durch Ausbruch eines Zwischenbodens eine zweigeschossige Küche mit Galerie zur Erschliessung rückwärtiger Zimmer. Überall hat die Hand der Künstlerin Spuren hinterlassen. Meret Oppenheim restaurierte und bemalte sowohl Bauelemente als auch Möbel, entwarf Lampen, Cheminées und Mobiliar, versammelte Familienerbstükke und -dokumente, Werke befreundeter Künstler/innen, skurrile Fundstücke, wie eine beim Umbau gefundene mumifizierte Ratte, zum Gesamtkunstwerk, zur ganz persönlichen Wunderkammer, mindestens teilweise in der Tradition der Surrealisten, die aus dem zufälligen Zusammentreffen von Dingen unerwartete Einsichten gewinnen. Gegen den Schluss unserer Visite begrüssten wir in einem kleinen Zimmer des Hauslabyrinthes die 94-jährige Mutter Lisa Wengers, deren Schildkröten unterschiedlichster Art wir auf dem Rundgang durchs Haus da und dort begegnet sind. Das berühmte Bild ihrer Schwägerin Meret Oppenheim eines Cheminées mit einer weissen Schildkröte in Untersicht, deren Kopf in einer nebulösen Wolke verschwindet, trägt den Titel Der Traum von der weissen Marmorschildkröte mit den Hufeisen an den Füssen .