Von der Glut , die Lebensmittel warm hält, zur Glut , die Menschen vereint

ERINNERUNGEN AN DIE EIGENE UND KOLLEKTIVE VERGANGENHEIT

bearbeitet von Angelika Tauscher

Die geigenspielende Ziege Die Strasse nach Brontallo. Drei Ziegen lecken Salz aus dem rissigen Asphalt. Die Vespa, die mit kleiner Geschwindigkeit auf sie zufährt, scheint sie nicht zu verdriessen. Ich nähere mich ihnen und versuche, das Erkennungszeichen ( nòda ) aus Plastik zu entziffern. Ich lege die Hand auf einen knochigen Rücken. Die Ziege rückt kaum weg. Sie schaut mich an, wie um zu sagen: Na und? Sie hat das semitische Gesicht der Ziege von Umberto Saba. Sie geht kopfschüttelnd weg. Sie verlagert die Kraft in die Hinterbeine und springt auf ein Mäuerchen, als sei das ein Kinderspiel. Dann verschwindet sie im dichten Grün der Pflanzen, die nicht einmal sie, die ehemals gefürchtete und bekämpfte Feindin des Forstbestandes Capra Hircus , aufzuhalten vermag.

Wer weiss, wo sie hingeht, auf welchen Wegen? Sie geht und lässt eine Spur von Freiheit hinter sich, die wir ihr zuschreiben, aber nicht vollständig verstehen können, eine ungewisse Linie zwischen wild und gezähmt, die Geschichte ihrer Art in den Jahrtausenden der Jahrtausende. Eine geheimnisvolle Unfassbarkeit, die sie zu einem Tier mit starkem Symbolgehalt macht. In der griechischen Mythologie säugte die Ziege Amalthea Zeus, der sich dann in ihr unverletzbares Fell kleidete, um die Titanen zu bekämpfen. Die Römer verehrten Faunus, den Gott der Natur und des Landes, der menschliche Gesichtszüge, aber Hörner und Ziegenfüsse hatte.

In der hebräischen Tradition wurde während des Festes Yom Kippur ein Sündenbock freigelassen und in die Wüste getrieben, wohin er die Sünden der Gemeinschaft trug. Die christliche Religion hatte exemplarische Absichten und zog den unkontrollierbaren Ziegen die Schafe vor, Tiere, die Gruppen bilden, rösc im Dialekt, und diszipliniert sind wie ein Steuerformular. In der Ziege sah man hingegen ein Tier, das ein so schlimmes Laster wie die Lüsternheit verkörperte. Sie war Komplizin des Teufels, der sie in seinen verdorbenen Hexensabbaten nutzte, und in einem Märchen der Brüder Grimm, zum x-ten Mal vom Guten besiegt, den Ziegen die Augen herausnahm und sie durch seine eigenen ersetzte.

Für die Rehabilitation des Hircus sorgten die Künste. Victor Hugo gab der Ziege Djali Gestalt, der Esmeralda Kunststücke beibrachte. Alphonse Daudet verwandelte Blanquette in eine Meisterin der Freiheit und Selbstbestimmung, die dem sicheren Stall von Monsieur Seguin einen Tag unbegrenzter Sonne und Wind vorzog, dann in der Nacht mit dem Wolf kämpfte und im Morgengrauen starb. Chagall setzt im Bild La Mariée eine musizierende Ziege neben die Braut im roten Kleid. Und dieses herrliche Bild wird im Film Notting Hill wiederaufgenommen, wo eine strahlende Julia Roberts sich an Hugh Grant wendet und sagt: “Das Glück ist kein Glück ohne eine Ziege, die Geige spielt.” Aber auch unsere gewöhnlichen, konkreten Ziegen, die den Sommer auf den Alpen verbringen und auf Gipfel und Grate steigen, haben ihre Dichter gefunden. Giuseppe Zoppi, der bekannteste von ihnen, erinnert an den Lockruf, mit dem man sie zum Sammelplatz rief: “cià, cià, cià, cià” . Und sie eilten herbei, so schnell, dass “der arme Ziegenhirt sich wie inmitten einer Gewitterwolke befand”, die eine Prise Salz ausgelöst hatte, der Preis für jede von ihnen.

Ich fahre mit der Vespa wieder an der Stelle vorbei, wo die Ziegen den Asphalt geleckt haben. Es bleiben Kotkügelchen und ein paar Büschel gerupftes Gras. Und ein Gedanke im Sattel eines Scooters: Wie anders wäre die Geschichte unserer Berge ohne die Ziegen gewesen, die nicht nur unseren Hunger gestillt, sondern auch uns geholfen haben, in schweren Zeiten des vorherrschenden Konformismus zu verstehen, dass es gut ist, in uns einen rebellischen Geist zu erhalten, der das Leben der Menschen und der Tiere so unvorhersehbar macht, dass es uns reich erscheint, auch wenn es arm ist an Essen und materiellen Gütern.

Die Farben der Sugus In San Carlo gab es drei Läden, je einen pro 25 Einwohner. Um sie zu unterscheiden, brauchten wir die Namen ihrer Besitzer: Giulietta, Bertino, Bruna. Sie verkauften Kolonialwaren. Ich wusste nicht, was dieses Wort bedeutete, das im Dorf mehrmals zu lesen war auf den Mauern der Gebäude, die ein Geschäft für Lebensmittel beherbergten, doch eine Erklärung für dieses sprachliche Geheimnis musste gefunden werden. Nach Ausschluss der Verwandtschaften mit dem Kölnischwasser (acqua di colonia) und den gleichnamigen Sommerinstitutionen (colonie), die hin und wieder bedrohlich zitiert wurden, wenn wir die Regeln des guten Benehmens übertraten, blieb nur der Weg der Vorstellungskraft. Kolonialwaren, Kolonien, abenteuerliche Landstriche, die sich mit den märchenhaften Orten von Salgari, Jolanda, dem Schwarzen Korsar überlagerten. Kolonialwaren wurde zum Synonym von Welten, die für uns physisch unerreichbar waren, da wir nur mit der Phantasie eines Buches so weit reisen konnten oder mit dem Schulfunk, mit den Nachrichten, mit den Veröffentlichungen der Missionare, die man in der Kirche oder im Pfarrblatt fand.

In den Laden ging man, weil einen die Erwachsenen schickten oder per motu proprio . Kleine Selbstbelobigungen auf dem Rückweg von der Schule oder an Sommertagen nach dem Heu oder inmitten eines Kampfes zwischen Cowboys und Indianern. Knete in der Hosentasche hatten wir fast keine, aber ein paar Rappen oder ein Franken reichten für kleine Glukose-Einspritzungen. Mehr als an Geschmäcker erinnere ich mich an Wörter. Bazooka. Ein amerikanischer Kaugummi (mit beigepacktem englischem ComicStrip), rechteckig, Farbe orangerosa, kräftig in der Wirkung wie der Raketenwerfer Bazooka, den ein mutiger Sergeant aus Kentucky in vielen Filmen in der Hand hielt. Mohrenkopf. Als Grundlage ein Biscuit, umhüllt von Schokolade, die im Mund knirschte, sobald man darauf biss, weisse Creme, die am Gaumen klebte. Toblerone. Gleich zwei Dreiecke auf einmal verschlungen, um keine Zeit zu verlieren. Sugus. Gelbe, rote, blaue, grüne Bonbons, die nie in der Tasche fehlten und die man mit einer Hand auspacken konnte. Tiki. Es liess den Mund ‘brausen’, sowohl in Pulverform, die wohldosierte Dosen ermöglichte, als auch in den später eingeführten Tabletten, die man gut portionieren musste, als seien sie Hostien, denn sonst brauste auch die Nase.

Die Läden von San Carlo sind alle geschlossen. Aber sie sind immer noch durch imaginäre Geraden miteinander verbunden, aufgezeichnet auf einer Karte mit einer Tinte, die bald nicht mehr lesbar sein wird. Nicht wie diese, die an sie erinnert.