Nur wenige Bahnkurven hinter den mediterranen Ufern des Lago Maggiore liegt eine wilde Bergwelt. Der Centovalli-Zug entführt seine Fahrgäste in ein zerklüftetes Paradies für Wanderer und Ruhesuchende

“WIR SIND NICHT AM ENDE DER WELT,SONDERN AN IHREM ANFANG”

von Martina Kobiela
Nur zwölf Personen leben ganzjährig im autofreien Rasa (900 m ü. M.) im malerischen Centovalli
Das Dorf ist nur zu Fuss oder per Seilbahn ab Verdasio erreichbar

Nur noch wenige Minuten, dann fährt die Seilbahn los, nach Rasa. Das autofreie, aussichtsreiche Dorf war bis 1972 die kleinste Gemeinde des Tessins. Bis 2009 war das Dorf auf 900 m ü. M. Teil Intragnas, seit dem ist es Teil der Fusionsgemeinde Centovalli. An der Talstation in Verdasio sitzt bereits eine dreiköpfige Deutschschweizer Familie in der kleinen Kabine mit den grossen Fenstern. Die Mutter ist mit ihren beiden Töchtern aus Locarno mit dem Zug angereist. Die beige-blaue Panoramabahn hat die Besucher durch das Centovalli, das Tal der hundert Täler, vorbei an rauschenden Wasserfällen, am höchsten Glockenturm des Tessins in Intragna, an steilen Bergflanken und durch zahlreiche Tunnels bis nach Verdasio transportiert.

Auch der Briefträger kommt mit der Seilbahn

Plötzlich geht die Tür der Talstation noch einmal auf und ein Postangestellter mit grauem Vollbart kommt mit einem grossen braunen Paket herein. Der freundliche Mann im mittleren Alter grüsst und setzt sich samt Paket auf einen freien Platz. Giordano ist der Briefträger von Rasa. Der einzige Weg seine Briefe und Päckchen auszutragen ist die Seilbahn. Denn keine befahrbare Strasse führt zum malerischen Dorf mit Blick auf das Centovalli und die Gipfel Pizzo Leone und Ghiridone. Die Seilbahn fährt an und überquert die schwindelerregend tiefe Melezza-Schlucht. Die zerklüftete Bergwelt ringsum wird durch den dichten grünen Waldteppich weichgezeichnet. Nur ganz hinten ragen schneebedeckte, zerfurchte Gipfel in den Himmel.

Bewohner Rasas siedelten aus Terra Vecchia über

Das Dorf Rasa mit seinen gepflegten Gemüse- und Blumengärten wirkt im Kontrast zu diesem dramatischen Hintergrund lieblich. Die Bergterrasse wurde 1700 erstmals besiedelt. Die Bewohner stammten aus dem tiefer gelegenen Dorf Terra Vecchia. Die verlassene Siedlung bei Bordei wird seit den Siebzigern von einer Stiftung wiederaufgebaut. Unter anderem im Rahmen von Sozialprojekten und der Suchthilfe. Doch auch Schulklassen beteiligten sich an dem Projekt, bei dem sich wohl erahnen lässt, wie schwierig es gewesen sein muss, hier zu leben und im 18. Jahrhundert in das höhergelegene Rasa umzusiedeln. Die Bewohner mussten die Baumaterialien aus grosser Entfernung zu Fuss anschleppen. Eine Ahnung von diesen Mühen bekommt man auch bei einer der zahlreichen Wanderungen, denen Rasa als Ausgangspunkt dient (siehe Box).

Seilbahnführer schätzt die gute öV-Anbindung

Die kleine Familie in der Seilbahn zum Beispiel plant, von Rasa nach Intragna zu wandern, wo die Centovalli-Bahn eine Haltestelle hat.

Oben angekommen, kontrolliert ein Seilbahnführer die Tikkets. Sowohl an der Tal- als auch an der Bergstation gibt es Fahrkartenautomaten. Heute hat Marco Schicht. Er kontrolliert die Billets mit einem Lächeln. Seit zwei Jahrzehnten wohnt er im Tessiner Bergdorf. Früher lebte er noch abgelegener: auf 1’800 m ü. M. in einem Bündner Dorf. Ein Auto besitzt er nicht. Marco geniesst es, dass seine neue Heimat nur wenige Zugsminuten von Locarno, wo er seine Wocheneinkäufe tätigt, entfernt liegt und doch abseits des städtischen Tohuwabohu ist. Doch er betont schmunzelnd: “Alle sagen immer, dass Rasa das Ende der Welt sei, aber das stimmt nicht. Wir sind nicht am Ende der Welt, sondern an ihrem Anfang.”

Zehn mal so viele Bewohner im Sommer

Ob nun Anfang oder Ende, nur wenige wohnen das ganze Jahr hier. “Insgesamt sind wir noch ein Dutzend Personen”, meint Marco. Im Sommer aber, wenn alle Zimmer des christlichen Bildungs- und Ferienzentrums ausgebucht sind, leben bis zu 130 Personen in Rasa. Doch selbst in der Hochsaison herrscht in Rasa eine beschauliche Atmosphäre. Die wenigen Gassen des Dorfes, die Kirche, das Grotto, die Keramikwerkstatt und die Herberge sind schnell besichtigt. Bald fragt sich der ständig Getriebene: “Und was jetzt?” Und genau hier liegt der eigentliche Reichtum der Destination verborgen. Rasa ist kein Tourismusmagnet, der laut und bunt die Aufmerksamkeit seiner Besucher einfordert. Im Gegenteil, in Rasa wird man gezwungen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Die Stille hier oben, die nur von einem klopfenden Specht und dem leisen Quietschen der Centovallibahn unterbrochen wird, wirkt geradezu aufdringlich, wenn man aus dem lebhaften Locarno hierher kommt. Das Ausbleiben immer neuer Impulse zwingt zum Blick nach Innen.