Die Gemeindepräsidenten von Sementina und Monte Carasso fürchten sich vor dem Besucheransturm auf die neue Brücke , welche die beiden Ortschaften im Bellinzonese nun in der Höhe verbindet

DIE LÄNGSTE TIBETISCHE HÄNGEBRÜCKE DER SCHWEIZ

von Martina Kobiela
Die 270 Meter lange Hängebrücke überspannt die Sementina-Schlucht und verbindet das Wanderwegnetz des Bellinzonese mit dem des Locarnese

Links ragt der malerische Berggipfel Cima dell’Uomo 2’369 (m ü. M.) hinter den steilen bewaldeten Hängen hervor, rechts fliesst die Sementina gen Bellinzona und dahinter klettert die Autobahn A2 zum Ceneripass. Die Aussicht hier ist spektakulär. Für Menschen mit Höhenangst ist die neue Hängebrücke zwischen Monte Carasso und Sementina nichts. Denn unter den Füssen machen sich 130 Meter Leere breit. Liegt es an der Vertigo, dass die Brücke plötzlich zu schwanken scheint? Oder am Wind? Eine besonders heftige Böe bringt die 50 Tonnen Stahlkonstruktion ganz leicht zum Schwingen, und beseitigt alle Zweifel. Es war also doch nicht die Phobie. Aber zur Sicherheit hält man sich dann doch lieber am 115 cm hohen Geländer fest.

Bei der “Carasc” genannten Brücke handelt es sich um die längste Brücke ihrer Art in der Schweiz. 270 Meter weit spannt sie über die enge und steile Sementina-Schlucht. Dabei hängt sie 14 Meter durch, was zu einer Steigung von 24 Prozent an ihren Zustiegen führt.

Die tibetische Hängebrücke ist ein beeindruckendes Bauwerk. So sehr, dass sich die Gemeindepräsidenten von Monte Carasso und Sementina keine Sorgen um das Marketing machen, im Gegenteil, sie fürchten sich vor dem Besucheransturm. Bereits am vergangenen Wochenende mussten Wanderer bis zu zwei Stunden lang an der Talstation der Seilbahn Monte Carasso – Mornera warten, um bis zur Zwischenstation Curzùtt zu fahren. Denn die Kabine fasst pro Fahrt nur acht Personen. Vom restaurierten Tessiner Dorf Curzùtt sind es nur noch 45 Gehminuten auf breiten Wanderwegen bis zur Hängebrücke. Noch mehr sorgen sich die Gemeindepräsidenten aber wegen derjenigen, die mit dem Auto den Berg hinauffahren und dort parken wollen. “Am Hang gibt es keine Parkplätze”, betont Riccardo Calastri, Gemeindepräsident von Sementina. Ivan Guidotti, Gemeindepräsident von Sementina, unterstreicht, dass es in beiden Dörfern fast 500 Parkplätze in der Ebene gebe. Besucher sollten dort parken und die gesamte Rundwanderung machen. Schliesslich sei die Hängebrücke keine Achterbahn, sondern Teil des Wegnetzes.

Das Sementina Tal ist ein schier unüberwindbarer Einschnitt. Die unwegsamen Bergwege, welche die beiden Talflanken früher verbanden, gibt es heute nicht mehr. Bis zur Eröffnung der Hängebrücke mussten Wanderer entweder in die Ebene hinab oder auf 2000 m ü. M. hinauf steigen, wollten sie vom Bellinzonese ins Locarnese wandern.

Doch viele werden auch “nur” wegen der Brücke anreisen, sind die Bauherren überzeugt. Bis zu 40’000 Besucher sollen die Brücke jährlich überqueren, schätzt der Präsident der Stiftung Curzùtt, Carlo Bertinelli. Die Burgen von Bellinzona werden von ca. 45’000 Menschen im Jahr besucht. Deshalb werde auf Marketing ausserhalb des Tessins verzichtet, erklärt Bertinelli.

Die Kosten des monumentalen Bauwerks belaufen sich auf 1,66 Millionen Franken, rund ein Viertel davon trägt die Gemeinde Monte Carasso. Die Gemeinde Sementina steuerte 100’000 Franken bei. Die Stiftung Vontobel und die Schweizer Berghilfe unterstützten das Projekt mit jeweils 100’000 beziehungsweise 180’000 Franken. Ohne die Unterstützung von der anderen Seite des Gotthards hätte das Projekt niemals realisiert werden können, betonte Bertinelli an der Pressekonferenz mehrfach.