Anarchist, Idealist und universeller Forscher: das bewegte Leben des Mosè Giacomo Bertoni

EIN PARAGUAYANER AUS LOTTIGNA

von Martin Steiner
Die “Nord America” in Genua; oben: Mosè Bertoni; unten: publiziert in Bertonis Druckerei “Ex Sylvis”, 1922

Beidseits der Talsohle Berge, an denen die Blicke auflaufen. Wären es nur die Blicke, wohlan. Doch wenn das Denken auch dort endet, wird es fatal. Solche Gedanken, herrührend aus dem Umgang mit seinen Mitmenschen, machen Mosè zu schaffen. Er, der in Genf Jurisprudenz, Botanik, Zoologie und Geologie studiert hatte, fühlt sich im Bleniotal eingesperrt. Wie Pjotr Kropotkin, Geograph und anarchistischer Denker, der ihm die grosse Welt aufschloss, will Mosè ebenfalls anderen Zugang zum Glück verschaffen. Dazu hat er zu einem Vortrag, das Auswandern betreffend, in Biasca eingeladen. Einem guten Dutzend Bauern erklärt er, dass es in Südamerika einfacher ist, auf einen grünen Zweig zu kommen. Mitreissend zeichnet er ein farbiges Eden. “Die Erde dort ist fruchtbar, zwei Ernten kann man einfahren, der Reis wächst, ohne bewässert zu werden, ebenso das Gemüse.” Solche Worte lassen aufhorchen. Man stellt Fragen, Mosè gibt Antworten. Doch er lässt die Katze nicht ganz aus dem Sack. So verschweigt er, dass er im Gelobten Land eine Land-Kommune mit ihnen gründen will. Die Bauern, einfache arme Schlucker, glauben ihrem Mitbürger, der, das steht fest, selbst vom Gesagten überzeugt ist.

An Bord der “Nord America”, einem schwarzen Eisenkasten, verlassen die Tessiner 1882 Genua. Der Name des Schiffes steht im Widerspruch zu ihrem Ziel, Südamerika. Und Widersprüche ergeben sich im Laufe der Überfahrt immer mehr. Den Blenieser Bauern missfällt die Vorstellung, im Kollektiv das ihnen verheissene Land zu bewirtschaften. Sie fühlen sich von Bertoni verschaukelt. Das Misstrauen wächst, Unzufriedenheit macht sich breit. Im dämmrigen Unterdeck, die über Bord schlagenden Wellen im Ohr, fordern sie Rechenschaft. Mosè überlegt, wie er die Leute bei der Stange halten kann. Seinen schmalen, halbwegs enthaarten Kopf hält er schräg, das Kinn mit dem wehenden Vollbart angehoben. “Freunde”, ruft er. “Gelitten und geschuftet habt ihr. Eure Rücken sind krumm, eure Taschen leer. Der Einzelne ist schwach, nur gemeinsam sind wir stark. Wir packen die Zukunft, wir schaffen eine neue Welt, eine bessere!” Mosè beschwört die Zweifler, er stellt ihrer kümmerlichen Vergangenheit eine rosige Zukunft gegenüber. Und wie gerufen kommt Mosè die Sonne zu Hilfe, deren Licht durch die Bullaugen fällt. “Endlich”, hört man die Leute sagen, begleitet vom Knacken ihrer Glieder, die sie gleich auf Deck wieder warm laufen.

Buenos Aires, wo sie an Land gehen, ist ein brodelnder Schmelztiegel. Die Luft ist gut, der Lärm gross, und im Zentrum der Stadt tritt man sich auf die Füsse. Von wegen Füsse, die der Männer kommen anfangs Mai in Gang. Frauen und Kinder reisen auf schwankenden Planwagen, die Guarani Indianer führen. Es ist am dritten Tag, abends. Der Tross hat auf einer Waldlichtung Halt gemacht. Nun geht es ans Feuermachen, denn allen knurrt der Magen. Neugierig umstehen die Kinder die Kochstelle und gehen, wenn gerufen, ihren mit Töpfen hantierenden Müttern zur Hand. Die Männer starren nachdenklich in die Flammen. “Mir reicht’s für heute.” Der junge Mann, der das gesagt hat, schaut in die Runde, als erwarte er ein Echo. Stille ‒ und in der nur das prasselnde Feuer. Die meisten der Männer sind noch nicht angekommen, zumindest nicht gedanklich. Ihnen stecken die weglosen Wälder, die tückischen Sümpfe und Furten weiter in den Knochen. Von all dem unberührt, kuschelt sich Anna, das Nesthäkchen der Bertonis, an Eugenia, ihre Mutter. Auf einen grünschillernden Papagei zeigend, der vom Duft des Essens angezogen die Wagenburg inspiziert, hört man sie fragen: “Mama, ist das hier das Paradies?” Das von der argentinischen Regierung zugewiesene Land ist kein Eden, sondern das pure Gegenteil. Es ist arg verwildert und nur bedingt fruchtbar. Statt leichter Arbeit heisst es hier in die Hände spucken. Sie roden, sie pflügen, sie säen, doch die Saat geht nicht so auf wie erhofft. Auch alle weitere Arbeit in Misiones ist ein Schlag ins Wasser, was bittere Enttäuschung auslöst. Frustriert kehren die mitgekommenen Tessiner Bauern Bertoni und seiner landwirtschaftlichen Kommune den Rücken. “Kleingläubige seid ihr”, schimpft Mosè in den Bart, wobei er seine Feldhacke noch tiefer in die harte Erde schlägt. Obschon er, seine Familie und die Guarani Arbeitskräfte sich mühen, die Erfolge bleiben aus. “Wenn nicht hier, dann anderswo”, tröstet Mosè seine Frau, die ihrer zahlreichen Kinder wegen sich sorgt. Als zu guter Letzt finanzielle Schwierigkeiten hinzukommen, gibt Mosè Bertoni die unfruchtbaren Ländereien auf, zieht mit der Grossfamilie und den indianischen Helfern nach Yaguarazapà in Paraguay. Dort arbeitet er vier Jahre als Agronom in einer Kolonie von Tessiner Migranten und knüpft derweil Kontakte mit paraguayanischen Politikern. Dank deren Hilfe entsteht unweit der Wasserfälle vonYguazu die Forscherkolonie ‘Guillermo Tell’.

Nebst intensiver Landwirtschaft betreibt Mosè Bertoni ‒ Agronom, Meteorologe und Anthropologe ‒ diverse Studien, die aufhorchen lassen. So gründet er 1894 auf Wunsch des Präsidenten in Asuncion eine staatliche Landwirtschaftsschule, deren Leitung er übernimmt. Während dieser Zeit mehren sich die Manuskripte seiner wissenschaftlichen Untersuchungen. “Allein durch Bildung kann der Mensch seine eigene Bedeutung erkennen”, hört man Mosè oft sagen. Auch die soziale Verantwortung lebt und proklamiert er. “Wir leben nicht allein, wir leben miteinander, wir müssen allem und jedem Sorge tragen!” In Puerto Bertoni, dem einstigen Guillermo Tell, geht der Familie die Arbeit nicht aus. Gemeinsam, den Direktiven des patriarchaischen Mosè nachkommend, bewirtschaften und verwalten sie ihre Domänen, von deren Erträgen die ganze Kolonie lebt. Und sie lebt nicht schlecht. Wie sonst könnte Mosè Bertoni, der 1904 seine erfolgreiche Lehrtätigkeit in Asuncion aufgegeben hat, daran denken, seine wissenschaftlichen Werke selbst zu veröffentlichen. 1918 wird sein Wunsch Wirklichkeit. In Puerto Bertoni, einer Waldsiedlung aus einfachen Holzhäusern, entsteht die familieneigene Tipografia ‘Ex Sylvis’.

Bücher aus dem Wald, der Name der Druckerei sagt es. Ein in Asuncion gestrandeter Deutscher, ein Schriftsetzer, hat hier eine komplette Druckerei fast über Nacht aus dem Boden gestampft. Drei der Bertonis setzen, zwei drucken und zwar das, was Vater Bertoni auf losen Blättern notiert hat. Eine Mordsarbeit ist es, bewegliche Bleitypen, Buchstaben und Zahlen in Kolonnen und Reihen zu ordnen, ein Kunststück gar, schwierige Formeln zu setzen. Alles ist vorhanden: Setzkästen voller Schrift, Winkelhaken und Schiffe zum Ausbinden des Handsatzes sowie Abzieh- und Druckpressen. Wahrlich, auf die hier Wirkenden wäre Gutenberg stolz. Darum vielleicht kommt das “Gott grüss die Kunst” über Mosès Lippen, als er mit seinen Manuskripten die Druckerei aufsucht. “Freilich, eine Kunst ist es, deine Handschrift zu lesen”, erwidert ihm gereizt Giancarlo, der älteste seiner Söhne. Den Winkelhaken mit den vollen Zeilen in der Linken haltend, blickt er durchs offene Fenster auf den vorbeiziehenden Paranà. Nichts wäre ihm lieber, als sich den vorbeischiffenden Guarani anzuschliessen, denen sein Vater mit dem Buch ‘Civilizacion Guarani’ ein Denkmal setzte. Ihr Lied flattert wie eine Fahne durch die Stille des Nachmittags.

Die Guarani, die Ureinwohner dieser Gegend, hat Mosè Bertoni in sein Herz geschlossen. Ihre Kultur ist das gelebte Beispiel eines anarchistischen Sozialismus, der im Europa des 19. Jahrhunderts erst zur Theorie herangewachsen war. “Der Begriff Eigentum existiert für die Guarani nicht”, sagt Bertoni zu dem auf Besuch Weilenden. “Sie verstehen sich nicht als Besitzer von Land oder Gütern, sie haben lediglich das Recht zu deren Nutzung. Obwohl solidarisch, pflegen sie keine Kollektivwirtschaft. Es gilt aber, einander zu helfen, wann immer Hilfe gebraucht wird. Übrigens, Freigebigkeit ist für diese Menschen das Wichtigste!” Ilario, der an Gesellschaftsfragen interessierte Freund, meint nach kurzer Denkpause zu Mosè gewandt: “Nach all dem, mein Lieber, sind die Guarani eine durch und durch demokratische Gesellschaft.” “Und das ohne Zwang”, fügt Mosè lächelnd an und winkt eine der Töchter herbei. Und schon bald signalisiert ein wohlbekannter Duft, dass Kaffee aufgetischt wird. Er wird die müden Geister wieder wecken. “Klar, geweckt muss der Mensch werden, herausgerissen aus seinem Trott”, ereifert sich Ilario. “Die Guarani, ja, die haben das begriffen”, entgegnet Mosè, “und das schon lange.” Trotz Idealisierung der indianischen Lebensweise ist und bleibt Mosè Bertoni ein Patriarch. Nach seiner Pfeife muss getanzt werden, ein Umstand, der seine Söhne, Töchter und Enkel widerspenstig macht. Ihre Bedürfnisse übersehend, geht der Vater ganz in seiner Arbeit auf.

“Vater, so geht das nicht weiter”, sagt sein ältester Sohn, der ihn frühmorgens auf seinem Gang zur Wetterstation abgepasst hat. “Du nimmst deine Familie kaum mehr wahr, deine Studien gehen dir über alles.” “Ich weiss, ich weiss”, beschwichtigt der Patriarch und fügt aber gleich bei: “Ich habe eine Mission, ich kann nicht anders.” Und dann verschwindet er wie immer in seinem spartanischen Büro, wo sich wild Manuskripte und Bücher stapeln. “Sie verstehen mich nicht, sie haben andere Ziele”, seufzt der angeschlagene Forscher, die wortspuckende Feder flink übers Papier ziehend. Genial ist er, doch er merkt, dass sein ehrgeizigstes Werk, die Descripcion fisica, economica y social del Paraguay auf der Strecke bleibt. “Die Zeit läuft mir davon...” Diese Erkenntnis nimmt er schmerzlich wahr, viel mehr, als das Weggehen der eigenen Kinder, die das finanziell in Bedrängnis geratenene Puerto Bertoni nach und nach verlassen. Mosè Giacomo Bertoni stirbt 1929 einsam und verlassen.

(Im Museo di Blenio in Lottigna ist Mosè Giacomo Bertoni eine permanente Ausstellung gewidmet. Ein Besuch des interessanten und schöngelegenen Museums ist zu empfehlen.)