Nach gut 15 Jahren Planung, Bauphase und etlichen Polemiken wird an diesem Wochenende in Lugano das neue Kulturzentrum LAC eingeweiht

DER NEUE KULTURPALAST LUGANOS IST REALITÄT

von Gerhard Lob
Ein Meilenstein für die Stadt und die ganze italienische Schweiz: Musik, Tanz, Theater und Ausstellungsräume an einem Ort vereint

Die drei Buchstaben LAC stehen für das neue Kulturzentrum “Lugano Arte e Cultura”, symbolisieren aber auch den Standort in direkter Seenähe. Wo über Jahrzehnte die Ruine der einstigen Nobelherberge Palace als Spekulationsobjekt vor sich hin gammelte, ist ein topmodernes Gebäude für Kunst und Kultur entstanden. Gewaltige 210 Millionen Franken hat die Stadt in diesen repräsentativen Bau in unmittelbarer Seenähe investiert. Als Architekt zeichnet Ivano Gianola verantwortlich. Am kommenden Wochenende steht die feierliche Eröffnung an.

Bewusst ist das Eröffnungsfest als offene Veranstaltung für die ganze Bevölkerung geplant. “Das LAC soll kein elitärer Ort der Kultur sein, sondern eine lebendige Begegnungszone für Einwohner und Besucher”, sagt LAC-Direktor Michel Gagnon. Zugleich soll das LAC aber national und möglichst sogar international ausstrahlen. Die Stadt Lugano hat den 58-jährigen Kanadier zu diesem Zweck aus Montreal abgeworben, wo er als Programmdirektor des grossen Kulturzentrums Place des Arts die Fäden zog.

Herzstück von Luganos Kulturzentrum ist ein vollständig mit Birnenholz ausgekleideter Konzert- und Theatersaal mit 1000 Plätzen, der in enger Zusammenarbeit mit der auf Akustik spezialisierten Münchner Firma Müller-BBM nach modernsten Kriterien konzipiert wurde. Für Opernaufführungen steht ein Orchestergraben zur Verfügung. Bis zu 70 Musiker finden hier Platz.

Dank Dimension und neuester Bühnentechnik können fürs Theater nun Stücke programmiert werden, an deren Aufführung bisher in Lugano und im ganzen Tessin nicht zu denken war. Beispielsweise “La Verità” von der Compagnia Finzi Pasca, welche am Eröffnungsabend und in der nachfolgenden Woche zu sehen ist. Die Karten für die neun Aufführungen sind praktisch alle vergriffen.

Ein ganzer LAC-Trakt ist den bildenden Künsten vorbehalten. Das kantonale Kunstmuseum und Luganos Kunstmuseum sind zum Museo d’arte della Svizzera italiana (MASI) fusioniert. Rolltreppen verbinden die drei Geschosse. “Erstmals stehen uns Räume zur Verfügung, die für Ausstellungen konzipiert wurden”, freut sich Museumsdirektor Marco Franciolli, der bisher mit historischen Villen Vorlieb nehmen musste. Die Eröffnungsausstellung trägt den Titel “Orizzonte Nord-Sud” mit Meisterwerken beidseits der Alpen aus den Jahren 1840-1960. Der Titel ist durchaus programmatisch zu verstehen ist. Das LAC will sich als Schnittpunkt zwischen nördlicher und südlicher Kultur positionieren.

Die Verbindung zwischen Museum und Theatersaal bildet ein hohes, lichtdurchflutetes Atrium, das sich zur Seeseite und der vorgelagerten Piazza Luini öffnet. Dazu kommen Räumlichkeiten für Empfänge, Veranstaltungen und Kongresse. Für diese Art der Events wurde das Gebäude eigens um ein Stockwerk erhöht. Es fehlt hingegen eine adäquate Gastronomie beziehungsweise ein Restaurant. Vor dem LAC auf der Piazza hat man nun behelfsmässig einen Container installiert, der als Bar fungiert und damit selbst wie ein kleines Kunstwerk daher kommt.

1999 war die Idee zu diesem Kulturzentrum geboren worden, vom damaligen Stadtpräsidenten Giorgio Giudici. Er hatte die Vision, die wichtigste Tessiner Stadt in eine neue Epoche zu katapultieren und von ihrem ausschliesslichen Image als Bankplatz und Finanzzentrum zu befreien. Das LAC als architektonisches und urbanistisches Zeichen einer neuen Stadt.

Allerdings war der Weg für das Projekt äusserst steinig. Die politische Bewegung Lega dei Ticinesi kritisierte das Vorhaben stets als grössenwahnsinnig und betrieb Opposition. Attilio Bignasca, Lega-Fraktionschef in Lugano, sagt immer noch: “Wir steuern da auf eine Katastrophe zu.” Denn neben den gewaltigen Investitionskosten wendet Lugano nun auch fast 6 Millionen Franken pro Jahr für den Betrieb auf. Die Gesamtkulturausgaben der hoch verschuldeten Stadt sind fast doppelt so hoch.

Die Eröffnungszeremonie am Samstag entbehrt somit nicht einer gewissen Ironie: Der Tessiner Regierungspräsident Norman Gobbi und Luganos Stadtpräsident Marco Borradori werden beim offiziellen Akt in der ersten Reihe stehen. Beide gehören der Lega an, also ausgerechnet der Partei, die am stärksten gegen das LAC gewettert hat. Borradori verteidigte sich bereits: “Ich bin Stadtpräsident, kein Parteisoldat.” In die Schlagzeilen geriet das LAC wiederholt während der Bauarbeiten auf Grund von illegalen Machenschaften und Dumping-Löhnen auf der Baustelle. Mit dem Generalunternehmer, einem spanischen Baukonsortium, stritt sich die Stadt lange über Fehler in der Fassadenverkleidung aus grünem Marmor; bei der Einstellung von Personal gingen lokalpolitisch die Wogen hoch.

Vizestadtpräsidentin Giovanna Masoni-Brenni (FDP), welche die Kulturpolitik der Stadt verantwortet, ist es allerdings leid, dass das LAC noch vor der Eröffnung schlecht geredet wird. Sie will nach vorne schauen und ist zuversichtlich. Aber sie weiss auch: “Schöne Mauern reichen nicht, es braucht die richtigen Inhalte.” Tatsächlich beginnt für die Stadt Lugano ein neues Zeitalter. Die Herausforderungen sind gross. Denn nicht der Bau, sondern der Betrieb ist der eigentliche Prüfstein. Wird es das LAC schaffen, das gewünschte Publikum anzuziehen? Werden auch junge Menschen und Familien kommen? Erfüllt das Kulturhaus die Erwartungen der Tourismusbranche? Es ist zu hoffen.

Details zum Eröffnungsprogramm auf Seite 15 dieser Ausgabe. Internet: www.luganolac.ch