In knapp einem Monat wird zum ersten Mal im Tessin das Internationale Hermann-Hesse-Kolloquium durchgeführt. Zum Thema Jugend werden Gesprächsrunden und Konferenzen gehalten und Theatervorführungen gezeigt

WIE HERMANN HESSE ZUM MONTE VERITÀ UND DER JUGEND STAND

von Myriam Matter
am Hermann Hesse und seine Enkelkinder Silver und Eva, 1950
Main Hesse mit seiner Enkelin Sibylle, 1951
Erben

Hermann Hesse und der Monte Verità Der Mensch und die Natur. Ohne sie könnte er nicht sein. Sie ist ihm Lebensquelle, Inspiration, Oase der Erholung. Vor über hundert Jahren, Anfang des 20. Jahrhunderts, pilgerten zahlreiche Naturhungrige zum Monte Verità, um dort Energie zu tanken, um die Natur zu erfahren und in ihr und mit ihr zu leben. Gegründet wurde eine vegetabile Cooperative, und auf dem “Berg der Wahrheit” entstand eine Naturheilanstalt. Welche Rolle die Natur für den Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse spielte und welche Erfahrungen er 1907 auf dem Monte Verità sammelte, bevor er sich endgültig in Montagnola niederliess, erfährt man nächste Woche, Samstag, den 19. September, im Rahmen der Lesung “Hermann Hesse und der Monte Verità” im HermannHesse-Museum in Montagnola. Graziella Rossi und Claudio Moneta lesen auf Deutsch beziehungsweise Italienisch Auszüge aus “Dr. Knölges Ende” und “In den Felsen”. In diesen Texten beschrieb Hesse auf selbstironische Weise die Erfahrungen, die er in der Naturheilanstalt machte.

Just einen Tag später, am Sonntag, 20. September, ist dann das Hesse-Museum zu Gast auf dem Monte Verità. Rudolf Cornelius (dt.) und Max Zampetti (ital.) lesen Ausschnitte aus “Knulp”, einer Erzählung Hesses aus dem Jahr 1915. Die Geschichten vom Landstreicher Knulp zählen zu den reizvollsten Stücken der frühen Prosa von Hermann Hesse. Er zeichnet das Bild eines sympathischen Aussenseiters, der sich von bürgerlichen Regeln abwendet und zugunsten der persönlichen Freiheit ein ungesichertes und nicht zuletzt einsames Dasein in Kauf nimmt.

Internationales Hermann-Hesse-Kolloquium Das Alter und die Jugend. Ohne Jugend kein Alter. Oder: Wir werden alle einmal alt. Die Jungen lernen von den Alten, das Alter lernt aber auch von der Jugend. In welchem Verhältnis Hermann Hesse zur Jugend stand, kann an einem ganzen Wochenende im Oktober nachgegangen werden. Im Rahmen des 15. Internationalen HermannHesse-Kolloquiums, das vom 8. bis 10. Oktober zum ersten Mal im Tessin durchgeführt wird, werden Lesungen, Konferenzen und Gesprächsrunden gehalten. Das Thema lautet “Hermann Hesse und die Jugend”. Ziel ist es, sowohl Personen jeden Alters zur Teilnahme an den Veranstaltungen zu bewegen als auch die Auseinandersetzung zwischen einem Fachpublikum und der lokalen Bevölkerung zu erlauben. Die Vorträge und Veranstaltungen finden entweder auf Italienisch oder Deutsch statt, mit Ausnahme der zweisprachigen Lesung am Samstag, 10. Oktober. Organisatorin ist die Gemeinde Collina d’Oro als Mitglied der Internationalen Hermann-Hesse-Gesellschaft, die in Zusammenarbeit mit der Universität der italienischen Schweiz in Lugano (USI) und der Fondazione Hermann Hesse Montagnola ein interessantes Programm auf die Beine gestellt hat.

Geladen sind renommierte Wissenschafter aus dem deutschen und italienischen Sprachraum und Hesse-Spezialisten, wie zum Beispiel Flavia Arzeni, Regina Bucher, Henriette Herwig, Silver Hesse, Michael Limberg, Volker Michels, YorkGothart Mix, Fabio Pusterla, Anna Ruchat, Sara Tognola, Antonio Ballerio, Stefania Mariani, Ernst Süss und Massimiliano Zampetti. Zu Wort kommen aber auch die Schülerinnen und Schüler der Literatur- und Theaterkurse des Hermann Hesse-Gymnasiums Calw und des Kantonalen Gymnasiums Lugano 1, sowie die Künstler des MAT (Movimento Artistico Ticinese).

Behandelt werden Themen wie der Adoleszenzkonflikt, Hesses Antworten auf Briefe junger Menschen, Hermann Hesses Konzept des Eigensinns oder die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Hermann und Heiner Hesse. Doch aus welcher Sicht betrachten heutige Schülerinnen und Schüler das Werk Hesses? Welchen Einfluss hat es auf sie, sind die Themen noch aktuell? Die Literaturund Theaterkursklasse des Hermann HesseGymnasiums in Calw präsentiert eine bunte Mischung von Inszenierungen zu Hesses Gedichten, der Gerbersauer Erzählungen und biografischen Elementen. Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Lugano 1 analysieren, aus welcher Sicht die italienischsprachigen Jugendlichen heute Hesse lesen.

Die fünfzehnte Ausgabe des Kolloquiums findet heuer, wie schon erwähnt, zum ersten Mal im Tessin statt. In zwei Jahren wird der Austragungsort Gaienhofen (D) sein, in weiteren zwei Calw (D). Somit ist eine Abwechslung zwischen den drei Gemeinden der Hermann-Hesse-Gesellschaft gewährleistet. Und den hiesigen Hesse-Interessierten wird das Glück zuteil, in einem Monat dem Kolloquium im Tessin beizuwohnen – dem Ort, der ihn zu wichtigen Werken inspirierte.

Bild unten: Der 80. Geburtstag von Hermann Hesse. V.l.n.r.: Simon, Silver, Sibylle, Christine, Hermann, Martin und Eva Hesse, 1957