Passend zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels erinnert das Vincenzo Vela Museum in der siebten Ausgabe seiner Schriftenreihe an das Denkmal “Die Opfer der Arbeit” von 1882

DAS LEIDEN DER TUNNELBAUER IN GIPS UND BRONZE VEREWIGT

von Marianne Baltisberger
Vincenzo Vela schuf das Gipsmodell 1882, das heute in Airolo zu sehende Bronze-Relief wurde erst fünfzig Jahre später gegossen
Das ehemalige Künstlerhaus liegt auf einer Anhöhe über Ligornetto

Die Geschichte wiederholt sich. Im 19. wie im 21. Jahrhundert fordern bedeutende Bauwerke ihren Tribut: Sowohl bei der Eröffnung des ersten Gotthard-Eisenbahntunnels im Jahre 1882 als auch bei der Einweihung des Gotthard-Basistunnels im vergangenen Juni gedachte man den beim Bau des Tunnels verstorbenen Arbeitern. Das Museo Vincenzo Vela in Ligornetto ehrt die “Opfer der Arbeit” in einem neuen Band der Schriftenreihe “Casa d’artisti”. Dieser thematisiert das von Vincenzo Vela 1882 geschaffene Werk “Le vittime del lavoro”, welches als Original-Gipsmodell im Vela-Museum in Ligornetto und als Bronze-Relief beim Bahnhof von Airolo zu bewundern ist.

“Für den Tessiner Bildhauer war es der grösste Erfolg, den er in seinem Heimatland erfahren durfte”, erklärt die Direktorin des Museo Vincenzo, Gianna A. Mina, in der Einführung zum Buch. Das Hochrelief war an der ersten Schweizerischen Landesausstellung 1883 in Zürich zu sehen. Es wurde dort mit Begeisterung aufgenommen. Bundesräte, Vertreter der Kantone, Presse und Kunstkritiker lobten die Ausdruckskraft des Reliefs, das Gianna A. Mina als “Meisterwerk eines bürgerlichen Künstlers” charakterisiert. Vela hatte das Monument auf eigene Initiative und ohne Entlöhnung realisiert.

Schicksal und Courage Paul Salvisberg, Kunsthistoriker und Schriftsteller, hob im Begleitkatalog zur Kunstschau der Landesausstellung das Monument als “wichtigstes Stück” hervor. Mit “Die Opfer der Arbeit” sei Vela sein bisher stärkstes und expressivstes Werk gelungen, lobt er. Zwei Bauarbeiter tragen auf einer Barre einen schwer verletzten Kollegen aus dem Tunnel. An ihrer Seite läuft ein Ingenieur. “Die halb verdeckten Gesichter”, so Salvisberg, “drücken Schmerz, aber auch männliche Entschlossenheit sowie eine Art von Resignation aus.” Besonders berührt sei der Betrachter vom Anblick des dritten Arbeiters, der, auf der Schulter einen schweren Hammer tragend, mit einer für Mineure typischen Lampe das Gesicht des Verletzten – oder schon Verstorbenen – erleuchtet. Hat er ihn erkannt? Ist er ein Freund? Ein langjähriger Weggefährte?

Schicksal, Trauer und Courage – die in Gips geformte Szene habe es verdient, als Denkmal für den mit dem Bau des Gotthardtunnels beauftragten Ingenieuren Louis Favre (1826-1879) in Bronze gegossen und in der Öffentlichkeit ausgestellt zu werden, schrieb Salvisberg. Auch Bildhauer Vincenzo Vela hätte sich gewünscht, “meine Sicht der Dinge, von der ich glaube, dass sie die Meinung der leidenden Menschheit vertritt, in Bronze verewigt zu sehen”. Dieser Wunsch aber blieb ihm Zeit seines Lebens verwehrt. 1932, über vierzig Jahre nach seinem Tod, wurde das Relief in Bronze gegossen und an dem Ort aufgestellt, den er sich schon immer dafür gewünscht hatte: auf dem Bahnhofplatz von Airolo, nahe des Südportals des Gotthard-Eisenbahntunnels.

Mit sozialkritischer Haltung Von Bildhauer Vincenzo Vela, der in Mendrisio in einfachen Verhältnissen aufwuchs und der schon früh für den Beruf des Steinmetz und des Steinbildhauers bestimmt war, wird erzählt, er sei “ein Idealist mit resolutem Temperament” gewesen. Der Künstler pflegte engen Kontakt zu antiösterreichischen Adelskreisen in der Lombardei. Gleichzeitig lagen ihm die Bedürfnisse des einfachen Volkes am Herzen. Seine Arbeiten polarisierten. Die drastische Wirklichkeitsnähe seiner Figuren, aber auch die Auswahl der Motive sorgten für Verwunderung. 1847 lernte er als Freiwilliger im Krieg gegen die Sonderbundskantone General Henri Dufour kennen. Er porträtierte ihn 1849.

Vela war ein begnadeter Porträt-Bildhauer und wurde von einflussreichen Adelsfamilien als Gestalter von Grabmälern engagiert. Mit der Ausstellung “Spartakus” 1851 in Brera verschaffte er sich Anerkennung als Vertreter der naturalistischen Schule und Wortführer des Risorgimento. Sein für die Weltausstellung 1867 geschaffener “Napoleone morente” ziert noch heute das Schloss Versailles.

Die Jahre von 1852 bis 1866 verbrachte Vincenzo Vela fern des von Österreich geprägten Mailands im unabhängigen Turin. Als sich auch im Piemont die politische Lage veränderte, zog er sich zusammen mit seiner Familie ins Tessin, in seine Villa in Ligornetto, zurück.

Kaum beachtete Monumente Viele der im 19. Jahrhundert geschaffenen und heute in Parks und auf öffentlichen Plätzen aufgestellten Denkmäler würden im Alltag übersehen, führen die Historiker Marco Marcacci und Nelly Valsangiacomo in ihrem Beitrag zur Publikation “Le vittime del lavoro” aus. Das Auge habe sich an die Statuen und Gedenktafeln gewöhnt. Sie seien Teil der urbanen Gestaltung. Das Monument für die “Opfer der Arbeit” in Airolo mache dabei keine Ausnahme. Zugreisende müssen sich beeilen, um, zwischen Tunnelausfahrt und Bahnhof einen Blick auf das Werk Velas zu erhaschen. Die Menschen im Dorf sehen nur die Rückseite des Reliefs. Ausserdem ist in den letzten Jahrzehnten rund um das Denkmal ein grosser Parkplatz entstanden. Reisecars versperren die Sicht auf Velas zeitkritisches Kunstwerk.

Erhoffte Aufmerksamkeit Dass Velas Denkmal in Airolo eher zufällig hingestellt und wie ein Fremdkörper wirke, bestätigt auch Museumsdirektorin Gianna A. Mina. Nur 2014, als die “Opfer der Arbeit” vom mittlerweile verstorbenen Restaurator Claudio Cometta fachgerecht überarbeitet wurden, habe das Monument zumindest für den kurzen Zeitraum der Präsentation vor den Medien etwas Aufmerksamkeit erhalten. Aufmerksamkeit, die sich der Künstler immer dafür erhoffte. “Le vittime del lavoro” seien noch nie grundsätzlich untersucht worden, erklärt Gianna A. Mina. Mit der Publikation aus Anlass der Eröffnungsfeierlichkeiten des Gotthard-Basistunnels habe man diesem Umstand nun Abhilfe schaffen können. “Es erschien uns angemessen, eine wissenschaftliche Publikation zu verfassen, die, gleich einem Chorwerk, mehrere Stimmen vereinigt”, sagt die Museumsdirektorin. “Geschichtsforscher, Kunsthistoriker, Kritiker und Künstler sollten das Meisterwerk aus diversen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen thematischen Akzentuierungen betrachten. Sie bilden damit eine Art Resonanzkörper, um den dumpfen Klang der Mühsal und der Verzweiflung, der in dieser tragischen Tunnelszenerie vernehmbar ist, akustisch zu verstärken.”

Gianna A. Mina (Hrsg.), “Le vittime del lavoro di Vincenzo Vela 1882. Genesi e fortuna critica di un capolavoro” (Die Opfer der Arbeit von Vincenzo Vela 1882. Entstehung und Rezeption eines Meisterwerks). Ligornetto-Bern, Museo Vincenzo Vela, Bundesamt für Kultur, 2016. Erschienen in italienischer Sprache, ISBN 978-3-9524508-5-7.