Die bis zum letzten Monat unter dem Namen “Liberty Life” bekannte Sterbehilfe-Organisation hat ihren Hauptsitz in den Kanton Jura verlegt, will Freitod-Begleitungen aber weiterhin im Kanton Tessin durchführen

“LLEXIT”LEGT REKURS BEI DER GEMEINDE MELANO EIN

von Martina Kobiela
Der ehemalige Sitz der Sterbehilfeorganisation Liberty Life an der Via Cantonale 90 in Melano

Die Sterbehilfeorganisation “LL Exit” mit Sitz in Delémont legt laut Informationen der Tageszeitung “laRegione” Rekurs gegen einen Entscheid der Gemeinde Melano, keine Sterbebegleitungen im Haus des Vereins an der Kantonsstrasse durchzuführen, ein. Der Verein Liberty Life wurde am 8. September aus dem Handelsregister des Kantons Tessin ausgetragen, da der Vereinssitz von Melano in den Kanton Jura, nach Delémont, verlegt wurde. Ausserdem nennt sich die Sterbehilfeorganisation nun “LL Exit”. Eine Anfrage der Tessiner Zeitung bezüglich der Beweggründe des Namens- und Ortswechsels blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Die Adresse in Melano wird auch auf der neuen Homepage der Organisation (www.llexit.ch) als einzige postalische Adresse aufgeführt.

Der Verein opponiert gegen den Entscheid der Gemeinde Melano, Sterbebegleitungen an der Via Cantonale 90 in Melano zu verbieten. Die Gemeinde hatte sich nach der Intervention zweier Anwohner auf das Baugesuch für das graue Gebäude mit den grossen Fenstern berufen, das keine ruhestörende Aktivität zulasse. Bei dem 3-stöckigen Gebäude mit Flachdach handelt es sich um ein Mehrfamilienhaus. Der Fall hatte im Mai und Juni diesen Jahres für Aufsehen im Tessin gesorgt. Noch hängig ist zum Beispiel eine Interrogation der Grossräte Amanda Rückert (Lega) und Fiorenzo Dadò (CVP). Die Parlamentarier wollen vom Regierungsrat wissen, wieviele und welche Sterbehilfeorganisationen im Kanton tätig sind und wieviel Geld sie für eine Sterbebegleitung verlangten. Hintergrund waren Berichte über hohe Gebühren für die Sterbehilfe. Von 14’000 Franken, zusätzlich zu der jährlich fälligen Gebühr von 50 Franken, schrieb zum Beispiel die Newsplattform Liberatv.ch. Der Verdacht liege nahe, dass es sich in Anbetracht der hohen Kosten, nicht um einen gemeinnützigen Verein handle, sondern dass es eventuell auch gewerbliche Beweggründe bei der Sterbehilfe geben könnte. Anlass zur Sorge hatten die rasant gestiegenen Zahlen von begleiteten Suiziden gegeben, die einen Euthanasie-Tourismus nahelegten.

Wie die Kantonspolizei der Zeitung “Giornale del Popolo” im März mitteilte, seien allein im Jahr 2015 50 Fälle von Sterbehilfe verzeichnet worden, viermal mehr als zwei Jahre zuvor. 20 Schweizer, 2 Deutsche, ein Franzose und 27 Italiener sollen ihrem Leben mit Unterstützung anderer im Tessin ein Ende gesetzt haben. Im Jahr 2014 hatte die Kantonspolizei 17 solcher Fälle registriert. Im Jahr zuvor nur 13. Im Tessin waren bisher vor allem zwei Organisationen bei Freitodbegleitungen tätig: Liberty Life und Exit.

Exit nimmt laut seinen Statuten nur Schweizer Bürger oder Personen mit Schweizer Wohnsitz in den Verein auf. Die Mitgliedschaft ist Voraussetzung für einen begleiteten Suizid. Anderen Vereinigungen können auch Ausländer beitreten, die nicht in der Schweiz leben.

Die Gemeinde Melano hatte im März alle Aktivitäten von Liberty Life im Bereich der Sterbehilfe suspendiert, wie ticinonews.ch berichtet. Gemeindepräsident Daniele Maffei erklärte, dass diese Tätigkeit nicht mit dem neuen Zonenplan vereinbar sei. Dieser würde aus dem Gebiet zur Hälfte ein Wohngebiet und zur anderen Hälfte ein Gewerbegebiet für nicht ruhestörende Tätigkeiten machen. Die Gemeinde habe sich wegen der hohen Fallzahlen und wegen der perplexen Reaktionen aus der Nachbarschaft dazu entschieden, die Sterbehilfe vorläufig als ruhestörende Tätigkeit zu betrachten.