25 Jahre Olivenanbau im Tessin: In Gandria, hoch über dem Luganer See, werden morgen Samstag die Oliven geerntet

DAS “GRÜNE GOLD”AN DEN UFERN DES CERESIO

von Ruedi Weiss
Vor 15 Jahren wurden die ersten Olivenbäume bei Gandria gepflanzt, Ernte und Verarbeitung sind hauptsächlich Handarbeit

Herbststimmung in Gandria am Ufer des Luganer Sees: Auf dem kleinen Platz vor der Kirche versammelt sich ein knappes Dutzend Freiwilliger: Mitglieder des 2001 gegründeten Vereins “Freunde der Oliven”. “ Andiamo – gehen wir”, ruft Giorgio Bellini. Als Sekretär des Vereins “Viva Gandria” organisiert er seit Jahren jeweils Ende Oktober die Olivenernte. Auf dem Tagesprogramm steht das Pflücken von rund 600 Kilogramm ovalen, reifen Früchten, die in der Morgensonne an den rund 200 Bäumen glänzen und später zu etwa 50 Litern feinstem Speise-Olivenöl gepresst werden.

“Ich bin verliebt in den Olivenbaum”

Im steilen Gelände des nahegelegenen Olivenhains gilt es für die Helfer erst einmal Stützmauern zu überwinden, bevor die auf Terrassen angelegten Bäume erreicht sind. Nun zupfen die Pflücker die Früchte entweder einzeln von Hand oder streichen sie mit einem kleinen Rechen von den Ästen. Die Oliven purzeln auf die am Boden ausgelegten Netze und werden von dort in die Transportkisten gefüllt. Keine allzu harte Arbeit, die Stimmung ist deshalb locker und aufgeräumt und es bleibt zwischendurch genügend Zeit, sich das Neueste aus dem Dorf zu erzählen. Dass an diesem stotzigen Hang von Gandria Oliven und nicht – wie sonst im Tessin üblich – Trauben gelesen werden, ist vor allem dem Weinhändler Claudio Tamborini zu verdanken. Vor etwas mehr als einem Vierteljahrhundert begann er sich mit der Ölpflanze zu befassen. In Italien informierte er sich bei Olivenanbauexperten über die “Seele der Olive” und unter welchen Voraussetzungen sie am besten wachsen. Jede Sorte benötige eine spezifische Bodenbeschaffenheit und entsprechendes Klima, um an einem Standort gut zu gedeihen, sagt Tamborini. “Die Hauptschwierigkeit beim Olivenbau ist, die richtige Sorte für den richtigen Standort zu finden.” Zudem müsse der richtige Abstand zwischen den gepflanzten Bäumen eingehalten und die richtige Unterlage zum Einpflanzen gefunden werden. Passe alles zusammen, dann seien Olivenbäume sehr einfach zu unterhalten und brauchten nicht viel Pflege. “Man muss sie nur stutzen, düngen und wenn nötig Massnahmen gegen die schädliche Olivenmücke treffen.” Vor 25 Jahren pflanzte der heute 68-jährige Tamborini zusammen mit dem Weinbauern Bernardino Caversazio in seinem Weingut in Coldrerio bei Mendrisio seine ersten Olivenbäume. Mit dabei auch Luciano Turcati, der vom Olivenbaum schwärmt, als wäre er mehr als eine Pflanze: “Diese Widerstandsfähigkeit, bei Wind und Wetter, bei Hitze und Kälte!”, sagt der 64-Jährige begeistert. “Dieses immergrüne Blattwerk, der knorrige Stamm, alles an diesem Baum ist einfach wunderbar! Ich bin verliebt in den Olivenbaum.”

Dorfbevölkerung zieht mit Weinhändler Tamborini wurde Jahre später vom damaligen Bürgermeister von Gandria angefragt, ob er auf den dorfnahen Terrassen am Hügel nicht Reben anbauen wolle. Bei einem Augenschein fiel Tamborini das kleine und steile Gelände auf und er schlug dem Bürgermeister vor, dort anstatt arbeitsintensiver Reben doch besser Oliven anzubauen. “Der Bürgermeister schaute mich verwundert an, als sei ich verrückt”, erinnert sich Tamborini. “Nach einer längeren Bedenkzeit schlug er mir dann vor, ich solle diese Idee selber den Dorfbewohnern vorstellen, weil er sonst seine Glaubwürdigkeit bei der Bevölkerung verlieren würde.” Diese war jedoch vom Projekt sofort hell begeistert und jeder Zweite des 200-Seelen-Dorfes steuerte 600 Franken bei und wurde damit zum Besitzer eines Olivenbaumes. Mit dem gesammelten Kapital von 60’000 Franken konnten die Initianten den Hain anlegen und vor 15 Jahren die ersten Bäume pflanzen. Heute gehören die Olivenhaine des ehemaligen Fischerdorfes von Gandria zu den nördlichsten Olivenanbaugebieten der Welt.

Vom Betriebsmaterial für Laternen zum edlen Speiseöl

Die Produktion von Speise-Olivenöl wurde im Tessin im 16. Jahrhundert aufgegeben; bis ins 19. Jahrhundert dienten die gepressten Früchte danach noch als “Betriebsmaterial” für Lampen. Mit dem Aufkommen der Elektrizität wurden die Olivenbäume aber auch für diesen Zweck nutzlos und die Bauern ersetzten sie immer mehr durch Maulbeerbäume, die sie zur Züchtung von Seidenraupen benötigten. Zudem zerstörten extreme Kälteperioden viele Olivenbäume, sodass dieser Landwirtschaftszweig im Tessin zusehends verkümmerte. Bis eben vor 25 Jahren Luciano Turcati, Bernardino Caversazio und Claudio Tamborini kamen. Heute stehen im Tessin wieder rund 4000 Olivenbäume, als Einzelbäume in Privatgärten oder in Hainen, die vorwiegend von privaten Vereinigungen gepflegt werden. Die reifen Früchte werden zu rund 600 Litern bestem Vergine-Olivenöl gepresst.

10 Kilo Oliven ergeben einen Liter Öl

Eine dieser Pressen steht in Sonvico oberhalb Lugano im lauschigen Olivenhain von Ennio Bianchi. Der pensionierte Bianchi presst schon seit Jahren nicht nur die geernteten Früchte von Gandria, sondern auch kleinere Mengen von Privaten aus der ganzen Region, die vielleicht eben mal zwei oder drei Olivenbäume im Garten stehen haben. Jetzt steht Bianchi neben seiner Presse, füllt sich unten am Ausguss ein kleines Glas mit frisch gepresstem, goldgrün schimmerndem Olivenöl ab und kostet es. “ Buonissimo ”, ruft er lachend seinem 32-jährigen Sohn Christian zu, der ihn in den letzten Jahren beim Pressen unterstützt. “ Sì, è veramente buonissimo ”, bestätigt dieser und leert eine weitere Kiste der ovalen Perlen in die Presse.

“Wenn sich die Oliven schwarz zu verfärben beginnen, ist der ideale Zeitpunkt für die Ernte”, sagt Ennio Bianchi. “Dann ist das Öl in der Frucht sehr würzig und schmackhaft.” Als Faustregel gilt: Zehn Kilogramm geerntete Oliven ergeben circa einen Liter Öl. In Bianchis Hain stehen 120 Bäume, die ihm dieses Jahr – weil sie noch jung sind und letztes Jahr gestutzt wurden – einen Ernteertrag von gerade mal 50 Kilogramm Oliven abwerfen. “Doch diese fünf Liter Olivenöl geniesse ich dann umso mehr”, schmunzelt er und tunkt gleich nochmals ein kleines Stück Brot in das unmittelbar nach der Ernte kalt gepresste “ olio extravergine ”. Nur ein Bruchteil der 600 Liter gepressten Tessiner Speiseöls gelangt in den Handel, den Grossteil geniessen die Bauern selber oder verschenken ihn an Freunde.

Der unsterbliche Baum

“Wenn jetzt hier im Tessin wieder Oliven wachsen, lebt nicht nur eine alte Tradition wieder auf”, freut sich Anbaupionier Tamborini. Diese urwüchsigen und immergrünen Bäume hätten auch Auswirkungen auf den Tourismus. Die Olive als Markenzeichen für das Südtessin sozusagen. Und in der Tat: Viele Tessinreisende nutzen ihren Aufenthalt zum Besuch eines Olivenhains oder für eine Wanderung auf dem Olivenlehrpfad. “Ein Olivenbaum stirbt eigentlich nie”, sagt Tamborini. “Selbst bei grösster Kälte wachsen neben verfrorenen Ästen immer wieder neue Triebe. Der Olivenbaum ist eben unsterblich.”