Wenn sich wie ein Wunder die Türen der Kirche San Carlo di Negrentino öffnen, ist es vielleicht eine überirdische Kraft gewesen, die hier aktiv wurde

MIT CHRISTOPHORUS INS 21. JAHRHUNDERT

von Rolf Amgarten
Ti-Press Der wohl älteste Jesus im Tessin schmückt die erste Wand der schrittweise ausgebauten Kirche am Säumerweg über den Narapass vom Bleniotal in die Leventina

An der ersten Hochebene im Bleniotal bei Acquarossa, wo so viel zum Wiederbeleben der Thermalbäder skizziert, debattiert und spintisiert wird, zweigen zwei Strassen ab und führen nach Leontica. Die eine durchs Dorf direkt zur Talstation der Nara-Seilbahn. Ab da beginnt der leichte Abstieg in eine andere Welt. In die Welt der schwarzen Göttin (gemäss Claudio Andrettas Buch der Kraftorte), die Fotoapparate kollabieren lässt, und auf die schwankende Hängebrücke über die urchige Schlucht, hinunter zur Kirche des heiligen Ambrosius. Heute gehört sie dem heiligen Karl und heisst San Carlo di Negrentino. Gesäumt von Magerwiesen strotzt sie aus dem Felsen in den Himmel über Negrentino, einem Weiler der Ebene-Gemeinde Prugiasco. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine Wehrkapelle, was sie in einem übertragenen Sinne ja auch ist. Doch Geheimnisse erschliessen sich einem allmählich, nur mit Geduld und etwas Glück. Glück, das den heutigen Besuchern nicht beschieden schien. Aber immerhin wurden sie beschattet. Vom grossen Glockenturm. Entschädigt mit riesigen Kathedralen, wie sie nicht der Mensch, sondern nur die Natur fertigbringt. Die Sicht auf die Bergflanken und Gipfel gleich gegenüber, fast mit den Händen zu greifen, kündet von etwas Grösserem als dem Menschlein, das da sitzt und sein Brötchen vertilgt.

Dann erinnert man sich. Da war doch irgendwo beschrieben, dass diese sakralen Häuser immer verschlossen sind. Von wegen “Vandalen” und Diebesgesindel! Aber unten, im Dorf, da gibt es die Osteria Centrale, dort sollte man den Schlüssel holen können. Nur, wer hätte an diesem warmen Vorsommertag Lust, den Weg hinunter nochmals zu gehen? Vielleicht, dass ja noch andere Besucher kommen, mit dem rechten Schlüssel im Gepäck? Eine reine Spekulation und Geduldsfrage.

Wie aber kam uns die Erscheinung vor, die da von unten her auf den Stock gestützt und mit Wein und Honig beladen, sich die Magerwiese hochkämpfte, immer wieder verschnaufpauste und uns “Picknickler” wohl schon längst eräugt hatte. Kam da nicht gerade der heilige Christophorus ins 21. Jahrhundert gestapft? Stattlich und hochgewachsen war er geblieben, ein älterer Herr mit markantem Gesicht und wachem Blick war er geworden. “Weiht dr d’ Chierchä bsüechä?” tenorte es zu den Picknickern am Wegesrand, nachdem Christophorus nicht das Christuskind aber die Lasten abladend, herübergewuchtet kam. Leicht überrumpelt, versteiften wir uns aufs Italienisch: “Come?”. “Volete visitare la chiesa”? Ja, sehr gerne natürlich. Was für ein Glück, was für eine Einladung? Von wem?

Christophorus heisst mit bürgerlichem Namen Dell’Oro und ist der Präsident der Pfarrgemeinde von Prugiasco. Wenn er Zeit hat, steigt er hoch und öffnet die Kirche. “Den ganzen Weg von Prugiasco zu Fuss?” In seinem Alter. “No, ich fahre soweit es geht, den Rest dann zu Fuss.” Was die Besucher so überrumpelt hatte und zu Beginn nicht verstanden wurde, entpuppt sich als eine Art von Berndeutsch, das er während seiner dortigen mehrjährigen Arbeit erlernt hatte und das auf Anhieb ziemlich gut zu verstehen ist. So wechselt der Pfarrgemeindepräsident fliegend das Idiom und wir erfahren in beiden Sprachen vieles über die Kirche, den Pass, die Säumer, die Eidgenossen und über die Rettung dieses Bijous auf rund 850 m über Meer. Hätten nicht aufmerksame Augen über diese Kirche gewacht, der Verfall hätte sie verschluckt. Das Dach hatten Herbstregen und Winterstürme fast weggeblasen. Wasser konnte ungehindert vom Hang und Himmel eindringen. Heute ist das Dach saniert, der Grundriss entwässert (s. TZ-Thema vom 21. Mai 2010).

Als erstes zeigt uns Aurelio Dell’Oro den wundersamsten Jesus aller Zeiten und den ältesten im Tessin. Einen byzantinisch-orthodoxen. In der Zärtlichkeit seiner Farben und Formen, seiner schlichten Eindringlichkeit einen so bisher nicht gesehenen. Er schaut auf dich herab und die wirklichen Lebensfragen brechen sich aus dem Gefühlspanzer Bahn, dem Panzer, der uns im banalen Alltag so schützt. Was geschieht hier eigentlich? Zauberei? Vertrauter scheinen da schon die Romanik oder Gotik, welche in den verschiedensten Bauetappen erschliessbar sind. Nicht alles ist schön, aber einiges ist herzhaft, anderes komplett fernab. Wenn Herr Aurelio erklärt, weshalb beim Altar zwei Apostel fehlen, drückt allzu Menschliches durch. Der grosse, um nicht zu sagen, fanatische Heidenjäger und Protestantenbekämpfer Karl Borromäus, habe veranlasst, dass eines der drei im romanischen Stil – gebogen, schmal nach oben – gehaltenen Fensterlein vergrössert werden musste. Licht müsse hineinkommen, um die Gläubigen zu verzaubern und sie vom Weg der Abtrünnigkeit hin zum Protestantismus abzuhalten. Ob ihm dies gelungen ist? Jedenfalls fehlen infolge der Lichterweiterung zwei von zwölf Aposteln. Hoffentlich sind sie nicht konvertiert!

“Wieso aber unsere Vorfahren die Kirche so hoch oben gebaut haben? Weil sie damit auf halbem Weg zwischen unseren Alpen und Prugiasco liegt. Sodass die auf der Alp etwa gleichweit zum Gottesdient hatten, wie die unteren.” Seine Familie, eine arme Familie, habe noch oben gewohnt. Am Hang, am Rand. Deshalb hiessen sie del Orlo (Rand, Saum). Auch hier hatte der Missionar Carlo Borromeo gewirkt. Er habe einige der lokalen Familiennamen abgeändert. So ist del Orlo halt zu Gold (Dell’Oro) geworden. Dem Wirken des Borromäus kann das Bleniotal rauf und runter nachgespürt werden.

Die Kirche behütete Einheimische und Säumer von drüben vor den Abgründen. “Der Narapass wurde schon viel früher als Säumerpass benutzt als der Lukmanier”, erklärt Dell’Oro nicht ohne Stolz. Von hier kommt man in die Leventina und zurück. Das wussten schon die Urner. Nicht umsonst prangt auf dem Kirchturm der Uristier zusammen mit den schwörenden Händen der Leventiner und Blenier. Der Bezug zur Deutschschweiz mehr als zu Italien strotzt aus allen Fugen. “Tatsächlich war der Glockenturm eigentlich ein Wachtturm, mit Sichtkontakt zu dem von Torre.” Heute steht er noch, weil er nach dem behördlichen Wachtturmverbot nicht geschleift, sondern in einen Glockenturm umgewandelt wurde. Der Pfarrgemeindepräsident führt uns hinaus. Zu dem aus der sich auf dem Fels abstützenden Rundmauer herausgemeisselten Pfau. Symbol für die seelische Unsterblichkeit. Irgend etwas ist da. Man spürt eine Kraft. Ja, es sei ein Kraftort bestätigt Dell’Oro (s. TZ-Literaturseite vom 27. April 2018). Einmal habe eine Besucherin sich entfernen müssen, sie habe so starke Kopfschmerzen bekommen. Die Kraft wirkt nicht auf jeden Menschen gleich. Sie kann beleben oder zu Herzklopfen führen. Jedenfalls wirkte sie auf den Digital-Fotoapparat, dessen Objektiv sich partout nicht öffnen liess. Zu Diensten stand er erst zu Hause wieder. Dort, beim Durchblättern des Buchs über Kraftorte, erfahren wir erstmalig, dass an diesem Ort die höchsten Bovis-Einheiten des ganzen Tessins gemessen wurden. Sie zeigen die Intensität der Erdstrahlen an. Mit viel Bovis, Wein und Honig kehrten wir heim. Sonntag, den 28. Juli, öffnet sich ab 11.00 Uhr mit einem Chorkonzert eine andere Tür zu den Geheimnissen.